Vegane Kleidung: Alles, was du wissen musst

Bei veganer Kleidung geht es letztendlich um eines: Modische Klamotten, die ohne Tierleid auskommen. Aber: Ob T-Shirts, Schuhe oder Pullis wirklich rein pflanzlich sind, lässt sich nicht immer auf den ersten Blick sagen. Wie du vegane Kleidung erkennst, warum sie die bessere Wahl ist und aus welchen Materialien sie besteht – das alles und mehr erfährst du hier.

Was ist vegane Kleidung?

Vegane Kleidung verzichtet zu 100 Prozent auf tierliche Stoffe. Viele Menschen denken hier direkt an Leder und Pelz – aber die Liste von tierlichen Produkten in Klamotten ist weitaus länger, wie du später erfährst.

Und: Auch die Auswahl an veganen Alternativen ist wahrscheinlich viel größer, als du denkst. Egal, ob du gerne Seide oder Leder trägst – es gibt für alles einen tierfreundlichen Ersatz.

Warum ist tierfreie Mode die bessere Wahl?

Veganer*innen möchten, dass kein Tier für sie leidet – pflanzliches Essen bildet hier lediglich den Anfang. Auch in vielen anderen Bereichen kommen tierliche Produkte zum Einsatz. Sei es in Kosmetika oder eben bei Kleidung. Warum es sich lohnt auf tierliche Produkte in Klamotten zu verzichten – das erfährst du hier.

Leder

Leder ist ein Abfallprodukt der Fleischindustrie – wäre doch schade drum, es nicht zu verwerten. So oder ähnlich lautet ein bekannter Irrglaube, der genau das ist. Eine Unwahrheit. Denn: Bei Leder handelt es sich um eine eigenständige Ware.

Oder anders gesagt: Leder besitzt einen Marktwert und erwirtschaftet so viel Profit, dass Tiere teilweise explizit für die Lederproduktion gezüchtet und geschlachtet werden[1]. Aber nicht nur für Kühe bedeutet Leder großes Leid.

Um die Tierhaut haltbar und geschmeidig zu machen, wird sie gegerbt. Ein Prozess, der unglaubliche Mengen von unglaublich giftigen Chemikalien verschlingt – zum Beispiel Chrom III oder Formaldehyd[2]. Jedes Kilo Roh-Tierhaut benötigt bis zu 500 Gramm Chemikalien[3].

Mit entsprechenden Folgen für Umwelt und Menschen[4]. Zum einen sind die Arbeitsbedingungen in Gerbereien in der Regel katastrophal[5]. Zum anderen findet das Bundesinstitut für Risikobewerung (BfR) immer wieder giftiges Chrom VI in verkaufsfertigen Lederprodukten[6] – dieses kann unter anderem durch verschwitzte Füße in den Körper gelangen.

Möchtest du vegane Kleidung kaufen, solltest du vor allem auf Lederpatches bei Jeanshosen achten. Auch bei Schuhen und Jacken wird viel Leder verarbeitet, hier ist es aber leichter erkennbar.

Schafwolle

Bei Schafwolle gibt es vieles zu kritisieren. Zwei Punkte möchten wir hervorheben: Das Leid bei der Schur und ein übliches Verfahren, bei dem sich dir die Zehennägel kräuseln.

Die Schur findet häufig unter hohem Zeitdruck statt. Deswegen gehen die Scherer*innen nicht selten brutal mit den Tieren um, wodurch Verletzungen entstehen[7]. Dabei reicht die Fixierung alleine bereits aus, um Schafe in Panik und Stress[8] zu versetzen – schließlich besitzen sie einen ausgeprägten Fluchtinstinkt, der ihnen in der freien Natur das Überleben sichern würde.

Vor allem in Australien und Neuseeland kommt zudem ein besonders scheußliches Verfahren zum Einsatz: Das so genannte Mulesing. Hier werden den Schafen Hautfalten um den After herum weggeschnitten – damit sich dort keine Fliegen sammeln[9].

Die extrem schmerzhafte Prozedur findet häufig ohne Betäubung statt und soll einen Fliegenbefall vermeiden – dabei sind die vermehrten Hautfalten das Resultat von gezielten Züchtungen, die den Wolle-Ertrag maximieren.[10]

Wolle findest du vor allem in Pullis, Socken und Schals. Dabei gibt es viele tolle Alternativen – welche das sind, erfährst du weiter unten.

Angora

Bei Angora handelt es sich um das Fell von Angorakaninchen. Durch Züchtungen wächst ihnen ein sehr langes Fell, das die Tiere alleine kaum sauber halten können – was ihr Wohlbefinden bereits stark einschränkt. Denn: Kaninchen sind sehr reinliche Tiere, die viel Zeit für ihre Körperpflege aufwenden. Aber das ist leider erst der Anfang.

90 Prozent der global verwendeten Angorawolle stammt aus China[11] – einem Land, in dem Tierquälerei nicht einmal im Ansatz juristisch beachtet oder gar verfolgt wird. Hier leben die Kaninchen in winzigen Einzelkäfigen mit Drahtböden[12]. Dabei sind Kaninchen gesellige Tiere, die viel Bewegung benötigen.

Ist das Fell lang genug – etwa alle drei Monate – werden Angorakaninchen geschoren oder gerupft. Beides hinterlässt Schmerzen und Traumata. Der Umgang mit den Kaninchen ist so grausam, dass namhafte Marken keine Angorawolle mehr verwenden. Trotzdem wird sie noch immer in großen Mengen „produziert“ und verkauft.

Pelz

Jedes Jahr sterben 100 Millionen Tiere[13],damit aus ihrem Fell Kleidung und Accessoires hergestellt werden können. 85 Millionen davon leben auf Pelzfarmen – meistens auf engstem Raum in Drahtkräfigen und unter grausamen Bedingungen.

15 Millionen werden in freier Wildbahn gefangen[14]. Dabei kommen noch immer Fangeisen zum Einsatz, bei denen die Tiere über Tage hinweg um ihr Leben kämpfen[15].

War Pelz eine Zeit lang verpönt, so steigt der Verkauf leider wieder. Den meisten Pelz findet mensch heutzutage als Kapuzenbesatz bei Jacken oder Mützenbommeln. Wir empfehlen dir, komplett auf einen solchen Besatz zu verzichten – auch dann, wenn er als künstlich bzw. „Fake Fur“ deklariert ist. Denn häufig mogeln Hersteller*innen bei der Kennzeichnung und verwenden doch echtes Fell – das sagt auch die Stiftung Warentest[16].

ein kleiner Teil eines unserer Stände bei einem veganen Straßenfest
Federn

Federn findest du vor allem als Füllmaterial in Jacken und Bettdecken. Primär stammen sie von Enten und Gänsen. Das Rupfen geschieht maschinell oder per Hand – teilweise auch bei lebendigem Leib[17]. Beides ist mit großen Schmerzen und Stress verbunden[18]: Die Tiere werden gefangen, anschließend festgehalten und umgedreht – eine Position, die Vögel mit einer lebensbedrohlichen Situation verbinden.

80 Prozent der weltweit verwendeten Federn kommen zwar aus China. Wer Federn aus Deutschland kauft, unterstützt trotzdem Tierleid. Denn: Zwar mag der Lebendrupf verboten sein – das Raufen aber nicht. Beim „Raufen“ sollen – in der Theorie – während der Mauser lose Federn vom Körper gesammelt werden.

In der Realität ist die Mauser aber kein Prozess, der in einer Vogelgruppe zeitlich synchron abläuft. Heißt: Bei manchen Tieren sitzen die Federn noch immer sehr fest[19]. Davon abgesehen löst das Raufen so oder so erheblichen Stress aus.

Kaschmir

Kaschmir (auch Kashmir) besteht aus der weichen Unterwolle von Kaschmirziegen. Diese wird den Tieren teilweise mit Metallkämmen grob entrissen – oftmals mitten im Winter. Als Folge leiden die Ziegen unter Kältestress[20], der immer wieder tödlich endet. Denn: Sie besitzen nur wenig Fett und sind auf ihr Fell angewiesen.

Kaschmir findet du vor allem in Pullis, Mützen, Schals und Bettdecken.

Horn

Horn besteht aus abgestorbenen Zellen. Du findest das Material zum Beispiel in Krallen, Kauen, Hufen oder Hörnern. Wer vegan leben möchte, sollte bei Knöpfen, Kämmen, Schmuck und Schnitzereien aufpassen – hier kann sich Horn von Tieren verstecken. Zwar mag es teilweise als „Schlachtabfall“ entstehen. Der Kauf unterstützt damit jedoch wirtschaftlich genau das – die Tötung von Tieren.

Seide

Seide wird aus dem Kokon der Seidenraupe gewonnen. Letztendlich haben es Hersteller*innen zwar auf den Kokon und nicht die Raupe bzw. Larve abgesehen – aber diese wird dennoch getötet, weil sie den Seidenfaden beim Schlüpfen „zerstören“ würde. Heißt konkret: Die Raupen werden lebendig verbrüht. Um nur ein Gramm Seide herzustellen, müssen etwa 15 Seidenraupen sterben[21].

Klebstoffe

Wo Kleber Materialien zusammenhält, kommen sehr oft Kasein (Milchprotein) oder Glutinleim (aus Tierknochen) zum Einsatz: Etwa bei Schuhen oder Handtaschen. In den meisten Fällen können Hersteller keine Aussagen dazu machen, ob der Kleber in ihren Produkten wirklich rein pflanzlich ist. Eine Kennzeichnungspflicht existiert nämlich nicht.

Woraus besteht vegane Kleidung?

Tierprodukte ohne Leid gibt es nicht. Die gute Nachricht: Kein Mensch braucht Wolle, Leder, Kaschmir und Co. Hanf, Baumwolle, Ananasleder oder Viskose – die Auswahl an veganen Materialien ist groß. Und: Sie bringt noch mehr Vorteile mit sich.

Material Vorteile Alternative zu?
Baumwolle ♥ besonders hautverträglich

♥ langlebig und pflegeleicht

♥ geringes Allergiepotenzial

wichtig: Unbedingt auf Bio-Qualität und fairen Handel achten!

Wolle, Angora, Kaschmir
Hanf ♥ benötigt sehr wenig Wasser im Anbau

♥ kommt ohne Pflanzenschutzmittel aus

♥ lockert den Boden auf

♥ sehr robust

Wolle, Seide (kühlt im Sommer, wärmt im Winter
+ natürlicher Glanz)
Leinen ♥ lässt sich sehr heiß  waschen

♥ keimtötend und schmutzabweisend

♥ besonders im Sommer angenehm zu tragen

Wolle, Angora
Kunstleder ♥ keine Gerbchemikalien notwendig

♥ leicht zu pflegen

♥ besteht nicht immer aus Kunststoff, sondern teilweise aus Pilz- oder Ananasfasern

Leder

100 Prozent vegane Klamotten erkennen:
Auf diese 7 Dinge solltest du achten

Wer nur noch vegane Kleidung im Schrank hängen haben will, muss diese natürlich zunächst erkennen können. Gar nicht so leicht, aber unsere sieben Tipps helfen dir dabei:

1. Achte auf versteckte Lederapplikationen/ Lederanteile: Auch wenn nicht die komplette Jacke aus Leder besteht, können zum Beispiel Aufnäher aus Tierhaut sein.

2. Schau dir die Knöpfe an: Hornknöpfe zu erkennen, ist zugegebenermaßen relativ schwierig. Unterschiedliche Braun- und Beigetöne auf einem Knopf können hier ein Indiz sein. Manche Knöpfe sind zudem mit Tierhaut überzogen.

3. Wirf einen Blick auf das Etikett: Hier findest du Informationen zu den verarbeiteten Materialien. Der Hinweis „enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs“ kann Gold wert sein – muss aber leider nur bei einem Textilfaser-Anteil von mindestens 80 Prozent angegeben werden.

4. Besteht das Produkt aus verschiedenen Materialien? Wenn ja, wurden diese geklebt? Dann hilft nur eins: Den Hersteller*die Herstellerin anfragen und hoffen, dass er*sie Auskunft zum Kleber geben kann.

5. Kunstpelz inspizieren: Wie gesagt, wir empfehlen dir, auf jeglichen Pelz oder pelzähnliche Produkte zu verzichten – künstlich oder nicht. Geht es nicht anders, ziehe die Fasern vorsichtig auseinander. Eine Lederschicht weist hier auf Echtpelz hin. Solltest du dir nach diesem Test nicht ganz sicher sein, hilft der nächste Schritt: Puste über den Pelz. Echtes Fell legt sich zur Seite und gibt den Blick frei auf eine gekräuselte, kürzere und sehr feine Unterwolle. Kunstfell hingegen ist starrer und hat meistens gleich lange Haare. Zur Not kannst du eine Flamme an den Pelz halten. Schmelzen die Fasern wie Plastik zu Klümpchen, ist das Fell nicht echt.

6. Findest du Siegel? Die Vegan-Blume versichert dir zum Beispiel, dass die Kleidung vegan ist. Allerdings sind vegane Siegel bei Klamotten wenig verbreitet.

7. Bei Schuhen auf Piktogramme achten: Hersteller müssen das verwendete Material bei Schuhen in vier Kategorien einteilen und angeben:
1. Leder
2. beschichtetes Leder
3. Textil (Vorsicht: Kann auch Wolle, Pelz, Seide bedeuten)
4. Sonstiges

Letztendlich ist es relativ kniffelig, vegane Kleidung als solche zu erkennen – vor allem Lederaufnäher, Perlmuttknöpfe oder tierlicher Kleber verstecken sich gerne.

Möchtest du sicher gehen, empfehlen wir dir daher, bei rein veganen Hersteller*innen und Marken zu kaufen. In unserem Sortiment bekommst du 100 Prozent pflanzenbasierte Kleidung: T-Shirts, Pullis und Jacken, Schuhe und mehr.

Das Gedächtnis der Tierbewegungen [Interview mit dem Tierbefreiungsarchiv]

roc: Habt ihr Lust, euch kurz vorzustellen? Wer seid ihr, was macht ihr?

Hallo, wir sind Uli, Tom und Direct Action Bunny vom tierbefreiungsarchiv. Wir sind seit einigen Jahren in der Tierrechts- oder Tierbefreiungsbewegung aktiv und machen seit 2014 Archivarbeit, d. h. wir sammeln und archivieren Materialien der Bewegungen und machen sie für Forschende und Interessierte zugänglich. Nebenbei geben wir auch Vorträge und Workshops.

roc: Wie seid ihr organisiert und wie finanziert ihr euch?

Wir sind als Projekt beim Verein die tierbefreier e.V. angesiedelt, der uns finanziell unterstützt. Ein bisschen Geld bekommen wir aber auch über Spenden. Bei uns gibt es keine*n Chef*in, wir sind also wie ein Kollektiv organisiert und treffen wichtige Entscheidungen gemeinsam im Plenum. Dann gibt‘s da noch eine Art „Dunstkreis“ von Menschen, die wir bei grundlegenden Fragen immer wieder einbinden. Wir versuchen im Allgemeinen die Hierarchien flach zu halten oder aufzulösen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Person, die eine Aufwandsentschädigung bekommt, enthält sich bei Entscheidungen, die diese Gelder betreffen, grundsätzlich.

roc: Immer schön zu hören, dass es da draußen noch mehr Kollektive gibt, cool! Warum ist es eurer Meinung nach wichtig, die Geschichte der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung festzuhalten? Was ist euer Ziel?

Wir glauben, dass das ganze mehrere Ebenen hat. Zum einen leisten staatliche oder kommunale Archive nicht die Arbeit, Materialien verschiedenster sozialer Bewegungen zu sammeln, u. a., weil der Staat wenig Interesse daran hat, die eigene Opposition zu archivieren. Das könnte ja die eigene Erzählung brüchig machen. Daraus resultiert wohl auch eine gesunde Skepsis innerhalb der sozialen Bewegungen, ihre Materialien an staatliche Archive zu geben. Daher ist es die Aufgabe von Aktivist*innen der jeweiligen Bewegungen, die eigenen Materialien und damit die eigene Geschichte zu erhalten. Vor diesem Hintergrund haben wir uns vor einigen Jahren entschieden, diese Aufgabe für die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung zu übernehmen.

„Nutzen wir Inhalte, die anderen sozialen Bewegungen zuwiderlaufen?“

Eine weitere, vielleicht sehr einfach klingende Ebene ist das Verstehen der heutigen Bewegung. Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegungen sind nicht vom Himmel gefallen, sie haben Vorläufer. Und um zu verstehen, wo wir heute stehen, ist es wichtig die eigenen Traditionen zu kennen. Weiterhin können wir lernen, welche Strategien oder Aktionsformen wirksam waren, jedoch heute weniger wirksam sind, da sich durch die Digitalisierung die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft verändert haben. Daneben ist auch eine inhaltliche Reflexion des eigenen Standpunktes möglich – wie kommunizieren wir beispielsweise nach außen? Nutzen wir Inhalte oder Themenkomplexe, die anderen sozialen Bewegungen zuwiderlaufen? Nehmen wir zum Beispiel sexistische Kampagnen. Die Kritik an ihnen ist so alt wie die Kampagnen selbst; die Argumente dafür und dagegen scheinen sich jedoch über die Zeit wenig verändert zu haben. Eine historische Spurensuche, Einordnung und Analyse kann an dieser Stelle dazu dienen, Diskussionen innerhalb der Bewegung auf ein anderes Niveau zu heben und nicht ständig in Dauerschleifen zu geraten. Und gerade für junge Aktivistis bietet eine Auseinandersetzung mit der Bewegungsgeschichte die Möglichkeit, zu sehen, wie weit Diskussionen, Strategien, und Aktionsformen bereits in den 1990er Jahren waren und dann neue Wege zu beschreiten, aber auch an Prozesse anzuknüpfen, die kontinuierliche Kämpfe abbilden – siehe die Auseinandersetzung mit LPT in Hamburg. Hier wurden in den 1980er Jahren die ersten Tierbefreiungen in Deutschland durchgeführt und heute finden Großdemonstrationen am selben Ort statt.

„Aktivismus ist eben kein Sprint, sondern ein Marathon […] Und festzustellen, dass wir quasi den Staffelstab weitertragen, erscheint uns als ein Gegenmittel gegen das Gefühl allein zu kämpfen“

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte kann aber auch Teil einer Resilienz-Strategie sein. Festzustellen, dass es vor 200 Jahren Vorläufer*innen unserer Ideen gab, kann motivieren langfristig am Ball zu bleiben. Es zeigt sich, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht immer schnell funktionieren. Aktivismus ist eben kein Sprint, sondern ein Marathon. Und festzustellen, dass wir quasi den Staffelstab weitertragen, erscheint uns als ein Gegenmittel gegen das Gefühl allein zu kämpfen, sowohl räumlich als auch, wie in unserem Fall, zeitlich.

Ein letzter Punkt, den wir ansprechen möchten, ist die Möglichkeit, durch die Auseinandersetzung mit der Tierrechts-/ Tierbefreiungsgeschichte den großen Erzählungen (Kapitalismus, Domestizierung, Nationen,…), die auf Konkurrenzsystemen, Ausbeutung und Unterdrückung aufbauen, etwas entgegenzusetzen – eine Geschichte bzw. Erzählung von Solidarität und Mitgefühl über Speziesgrenzen hinaus. Das ist wohl auch eines unserer Ziele: ein Teil derjenigen zu sein, die diese solidarische und empathische Geschichte erzählen möchten. Dies ist selbstverständlich eine riesige Aufgabe, aber die Geschichten der Solidarität werden von vielen Aktivist*innen geschrieben, gesungen, gemalt, performt usw. und unsere Aufgabe ist es, diesen verschiedensten Personen Material für ihre Erzählungen bereitzustellen.

roc: “Archiv” klingt ja so ein bisschen nach verstaubten Büchern und drögem Sortieren vergilbter Dokumente. Wie viel hat das Klischee mit eurem Alltag zu tun? Was macht die Arbeit für euch so spannend?

Ehrlich gesagt könnte unser Alltag, bis auf die verstaubten Bücher, so beschrieben werden, jedoch ist selbst das gar nicht so langweilig wie es vielleicht klingen mag. Ältere Dokumente – egal ob Flugblätter, Broschüren, Zeitschriften oder klassische Aktenordner – ermöglichen immer wieder einen Einblick in eine Zeit vor unserem eigenen Aktivismus. Wer hat wann welche Aktionen gemacht, wie hat sich die Gestaltung der Medien verändert, welche Themen waren relevant?

„Unsere Aufgabe könnte beschrieben werden als das Aufrechterhalten des Gedächtnisses der Bewegung.“

Ein weiterer Punkt – und wir glauben, dass dies häufig fehlinterpretiert wird – ist, dass wir mit den Sortier- und Archivierungsaufgaben die eigentliche Grundlage für Forschung schaffen. An und für sich ist es nicht die Aufgabe von Archiven und den Aktiven in diesen Projekten, die Geschichte einer Bewegung zu schreiben; dies ist eher die Aufgabe von Historiker*innen, Aktivist*innen oder Journalist*innen. Unsere Aufgabe könnte beschrieben werden als das Aufrechterhalten des Gedächtnisses der Bewegung. Wir bieten also mehr die Grundlage für andere Arbeiten, auch wenn wir gern selbst recherchieren und Vorträge oder Workshops aus unseren Recherchen entwickeln. Ein Punkt, der natürlich auch zu unserem Alltag gehört, ist Vernetzung. Mittlerweile sind wir bei einigen Veranstaltungen nahezu Inventar, so beispielsweise beim Veganen Wintermarkt in Dresden. Hier dürfen wir dieses Jahr zum fünften Mal in Folge einen inhaltlichen Beitrag beisteuern. Auf den Veranstaltungen sammeln wir beispielsweise Materialien ein – falls also mal wer bei einem Straßenfest alle Stände abgegangen ist und je ein Exemplar von euren Materialien erschnorrt hat, dann könnte das ein*e Aktivist*in von uns gewesen sein. Gern würden wir diesen Vernetzungspunkt auch intensivieren, da wir ja abhängig von der Bewegung sind und es wichtig ist, dass uns die Akteur*innen in der Bewegung kennen. Leider ist das aber auch immer eine finanzielle Frage; momentan können wir es nicht leisten, alle Veranstaltungen zu besuchen oder zu unterstützen, bei denen wir gern wären.

roc: Was ist das älteste Stück in eurem Archiv?

Ein vegetarisches Kochbuch von 1916. Das haben wir mal zufällig auf einem Flohmarkt gefunden.

roc: Und wie seht ihr die aktuelle Entwicklung der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung? Gibt es Dinge, die ihr aufgrund eurer Perspektive kritisieren würdet? Fehler, die wir schon einmal gemacht haben und gerade wiederholen?

Ganz sicher sind wir nicht, ob es uns zusteht, die Entwicklung der Bewegung zu kritisieren; zumindest aus Projektperspektive erscheint dies schwierig. Aber selbstverständlich haben wir persönliche Ansichten, die auch in unsere Arbeit einfließen. Interessant erscheint uns beispielsweise die Entwicklung des Diskurses rund um Veganismus: Unsere Materialien zeigen vor allem für die 1990er Jahre klar, dass Veganismus zu dieser Zeit stark mit emanzipatorischen Ideen verbunden war. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Anfang der 1990er Jahre entstand die „Vegane Offensive Ruhrgebiet“, die sowohl in die linke Szene als auch in die Tierrechtsbewegung wirken wollte. Veganismus war hier Teil eines Kampfes für die Befreiung von Mensch und Tier. In eine ähnliche Richtung ging auch das Magazin „vegan-info“ – hier wurde Veganismus ebenfalls in einen größeren Kontext gestellt.

„Lasst uns aufhören dauernd über Essen zu reden, lasst uns vielmehr über gesellschaftliche, soziale, kulturelle und ökonomische Verhältnisse reden“

Heute hingegen können wir heute in vielen Teilen der Tier- und Vegan-Bewegungen feststellen, dass dieser Anspruch wohl etwas auf der Strecke geblieben ist. Veganismus kann gerade vielmehr als neoliberaler Lifestyle verstanden werden, da steht oft Körperoptimierung und Gesundheitsdiskurs im Vordergrund. Wie schon die Antispeziesistische Aktion Tübingen feststellt, scheint es so, dass die Tierrechtsbewegung in den letzten Jahren ihren Fokus auf die Veganisierung von Individuen gelegt hat und dadurch die gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen außer Acht gelassen wurden. Dies führt unserer Meinung dazu, dass der Veganismus-Begriff aufgeweicht und zu einer Ernährungsform reduziert wird. Daher könnte unsere Kritik lauten: Die Menschen wissen mittlerweile, was Veganismus bedeutet. Lasst uns aufhören dauernd über Essen zu reden, lasst uns vielmehr über gesellschaftliche, soziale, kulturelle und ökonomische Verhältnisse reden, um eine Befreiung von Mensch und Tier zu erreichen. Oder, wie es Menschen von tierbefreiung dresden gut auf den Punkt gebracht haben: Während wir als Bewegung in den 1990er und 2000er Jahren gefordert haben „Werde vegan!“, sollten wir heute fordern „Werde aktiv gegen Ausbeutung und Unterdrückung!“.

roc: Vielleicht gibt es da draußen ja Menschen, die jetzt gerade einen Artikel, ein Buch oder eine wissenschaftliche Arbeit über die Tierrechtsbewegung schreiben. Wie können Interessierte Zugang zu eurem Archiv erhalten?

Das ist recht simpel. Ihr könnt uns per Email an tierbefreiungsarchiv[ätt]riseup.net eine Anfrage schicken. Einen ersten Einblick bietet auch schon unsere Website. Die Einsicht in die Materialien erfolgt dann in der Regel vor Ort im Archiv selbst. Das findet sich wiederum in der sächsischen Kleinstadt Döbeln (das tierbefreiungsarchiv, Bahnhofstraße 56, 04720 Döbeln). Das mag vielleicht einige von einem Besuch abschrecken, jedoch können wir auch einige Vorteile unserer Lage nennen: Zum einen bietet die Lage im ländlichen Raum gute Voraussetzungen für eine ruhige Recherche. Zum anderen haben wir die Möglichkeit Schlafplätze direkt im selben Haus zu vermitteln. Ganz nebenbei ist auch das vegane Essensangebot, trotz Kleinstadtverhältnissen, recht gut. Auch für ein kulturelles Rahmenprogramm ist meist gesorgt, da sich im selben Haus wie das Archiv auch ein soziokultureller Treffpunkt, das Café Courage, befindet. Kommt also gerne vorbei!

roc: Wenn nun Menschen Aktionen oder Demos machen, die aber gar nicht in der Presse vorkommen, ist es mit dem Archivieren ja gar nicht so leicht. Können Menschen euch kontaktieren und von Aktionen berichten?

Gern können Menschen uns ihre Aktionsberichte zukommen lassen. Am besten für uns in geschriebener Form oder als digitales Audiodokument. Zudem kommen die meisten Aktionen oder Demonstrationen nicht ohne Informationsmaterial aus – ein Flugblatt ist nahezu immer am Start. An diesen Materialien sind wir natürlich auch interessiert und es würde unsere Arbeit ungemein erleichtern, wenn sich Gruppen und Vereine dazu entschließen würden, uns regelmäßig (z.B. einmal pro Jahr) je ein Exemplar ihrer Flugblätter, Broschüren oder anderer Materialien zuzusenden.

roc: Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass ihr gerade eine Crowdfunding-Kampagne gestartet habt. Wofür braucht ihr das Geld und warum sollte mensch euch unterstützen?

Weil das Archiv in den letzten Jahren so stark gewachsen ist, können wir das mittlerweile leider nicht mehr ehrenamtlich betreuen. Bisher hat uns der Verein die tierbefreier e.V eine monatliche Aufwandsentschädigung gezahlt. Aber das Projekt ist ja nicht nur für den Verein, sondern für die gesamte Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung da. Daher war unsere Idee, die finanzielle Last auf viele Schultern zu verteilen. Für die Aufwandsentschädigung fallen insgesamt 9.600 € und für die Raummieten 2.400 € an, um die Archivgutbetreuung für die nächsten zwei Jahre abzusichern. Das Gesamtziel beläuft sich auf 20.000 €. Mit den 8.000 € Differenz möchten wir unter anderem „professionelles“ – sprich säurefreies – Verpackungsmaterial (Mappen und Boxen) für die Materialien erwerben. Auch verschiedenste Arbeitsmaterialien würden dem Archiv gut tun, beispielsweise ein besseres Schneidegerät. [Eine genaue Auflistung der Kostenpunkte ist hier zu finden]. Um die oben beschriebenen Reflexions- und Recherchemöglichkeiten zu gewährleisten, braucht es eben auch Menschen, die sich darum kümmern sowie Räume, in denen die Materialien lagern können und Aufbewahrungsmaterial, das langfristig hält.

„Die einzigen, von denen wir abhängig sein möchten, sind die Bewegungen für Tierrechte und Tierbefreiung.“

Für uns ist es schwer vorstellbar, wie es wäre, wenn wir unsere eigenen Zeitzeugnisse nicht mehr einsehen könnten. Wie viele Geschichten würden vergessen bleiben oder könnten nie erzählt werden? Wie sollte eine über Speziesgrenzen hinweg reichende Solidaritätsgeschichte geschrieben werden, wenn niemand in ein Archiv gehen könnte, das Dokumente zu dieser Geschichte bereithält? Und wer, wenn nicht die Aktivist*innen und Organisationen der eigenen Bewegung, würde momentan Projekte wie Lebenshöfe, Verlage oder unser Archiv unterstützen? Wir wollen nicht auf Fördermittel oder Sponsoring angewiesen sein. Die einzigen, von denen wir abhängig sein möchten, sind die Bewegungen für Tierrechte und Tierbefreiung.

roc: Unsere Solidarität habt ihr. Viel Glück!

Danke, und vielen Dank für die Möglichkeit des Interviews!

Fotos: Tierbefreiungsarchiv, die tierbefreier
Bild unten: Hartmut Kiewert
Interview: Tuki

Dieses Soli-Poster des Tierrechtskünstlers Hartmut Kiewert ist hier erhältlich. Sämtlicher Gewinn geht an das Tierbefreiungsarchiv.

Kondolenz

Am vergangenen Wochenende hat uns die Nachricht vom Tod unseres langjährigen Geschäftspartners Ralf Kalkowski erreicht.

Allen Angehörigen, Freund*innen und Kolleg*innen möchten wir unser herzliches Beileid aussprechen.

Wir wünschen den Hinterbliebenen sowie dem Vegan Wonderland-Team viel Kraft für die kommende Zeit.

Das roots of compassion-Kollektiv