„1000 Kreuze“ gegen sexuelle Selbstbestimmung

Auch in diesem Jahr sind wieder einige fundamentalistische Christ*innen durch Münsters Innenstadt gelaufen, um mit weißen Kreuzen im Arm an abgetriebene Föten zu erinnern. Organisiert wurde die sogenannte Prozession von dem Verein „EuroProLife“, der sich als europäisches Gebetsnetzwerk und europäische „Stimme der ungeborenen Kinder“ versteht. Auf dessen Website heißt es: „In Deutschland sterben täglich annähernd 1000 ungeborene Kinder durch chirurgischen Eingriff oder die frühabtreibende Wirkung von Pille, Spirale etc. Wir vertrauen dieses unsagbare Geschehen unserm Herrn und Schöpfer an.“ Ein weiterer Grund wird in der Präambel zur Zielsetzung des Vereins genannt: „Als einziger Kontinent liegt Europa mit einer Geburtenrate von nur 1,5 weit unter dem für den Selbsterhalt eines Volkes nötigen Mindestwert von 2,1!“. Dass nationalistisches und reaktionäres Gedankengut hier verbreitet ist und Anschluss findet, ist nicht weiter verwunderlich. Während Menschen an den europäischen Grenzen sterben, wird vom „europäischen Volk“ gesprochen, dass durch ungewollte Kinder aufgerüstet werden soll.

Seit seinen Anfängen 2003 wird der Gebetszug der sogenannten Lebensschützer*innen in Münster von Protesten begleitet. In diesem Jahr hat das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung zu einer Demonstration und einer Kundgebung aufgerufen. Im Anschluss folgte eine weitere Demonstration unter dem Motto „Feminismus in die Offensive – Gegen das Patriarchat und seine Fans“.

Die Demonstrant*innen forderten, die Paragraphen 218 und 219a StGB abzuschaffen, die zum einen nur unter bestimmten (erschwerenden) Bedingungen einen Schwangerschaftsabbruch straffrei zulassen, zum anderen das sachliche Informieren über Schwangerschaftsabbrüche verbieten (die Gießener Ärztin Kristina Hänel wurde jüngst zu einer Geldstrafe von 6000 € verurteilt). Zudem wurde die Forderung nach körperlicher und sexueller Selbstbestimmung laut. „Raise your Voice – My Body – My Choice“, tönte es durch die Domstadt.

Darauf, dass Schwangerschaft nicht immer gleichbedeutend mit Frausein ist, machten Aktivist*innen von queerfeMS aufmerksam. „Nicht nur Frauen werden schwanger! Transmänner und nicht-binäre Personen mit Uterus können schwanger werden“, heißt es in ihrem Redebeitrag. Sie treten für eine queere Utopie ein, für eine Welt, in der Menschen freiheitlich leben können, in der das Leben von Schwangeren unter anderem durch den Zugang zu lebenswichtigen Informationen geschützt wird: „Aus Verzweiflung durchgeführte unsachgemäße Abbrüche können Leben kosten. Das Leben von Schwangeren“.
Schwangere, die sich für eine Abtreibung entschieden haben, sind angewiesen auf kompetente Ärzt*innen. Ärzt*innen, die solche Abbrüche durchführen, gibt es allerdings immer weniger. Beispielsweise geht der einzige Gynäkologe, der in Münster auch in diesem Bereich praktiziert, im Sommer diesen Jahres in den Ruhestand.
Der Abbruch einer Schwangerschaft ist eine ethische Entscheidung, die von vielen Faktoren abhängt. Unsere Solidarität gilt allen Schwangeren. Ihr allein dürft über euren Körper bestimmen und solltet jede Unterstützung bekommen, die ihr braucht.

Hier einige Artikel aus unserem Sortiment, die euch interessieren könnten:
Darum Feminismus! – Affront (Hrsg.)
Safer Sex Handbuch
vegane Kondome
trans*revolution – Aufnäher
Sticker: Nationalistische Kackscheiße

Erschienen: Tierethik – kurz + verständlich

Logo von 'Tierethik - kurz + verständlich'

Heute ist im compassion media Verlag das handliche Taschenbuch „Tierethik – kurz + verständlich“ von Friederike Schmitz erschienen. Friederike Schmitz ist promovierte Philosophin und Herausgeberin des Sammelbandes Tierethik.Grundlagentexte. Außerdem arbeitet sie als Referentin mit den Schwerpunkten Ethik und Politik der Mensch-Tier-Beziehung, Umweltethik und Klimagerechtigkeit und hat den Verein „Mensch Tier Bildung“ mitgegründet.

Dass wir nicht alleine auf dieser Welt leben, dürfte uns allen klar sein. Welchen Stellenwert anderen Tieren beigemessen wird und welcher Umgang mit ihnen wie begründbar ist sind Überlegungen der Tierethik. Viele Bücher über (Tier)Ethik sind für Menschen ohne philosophische Vorkenntnisse und ein akademisches Leseniveau jedoch schwer zu verstehen. Daher war es Schmitz ein Anliegen, das in Zeiten eines wachsenden Bewusstseins für ethischen Konsum und Tierleid höchst relevante Thema in leichter Sprache aufzubereiten und so einem breiteren Teil der Gesellschaft zugänglich zu machen. Anschaulich vermittelt sie in der nun vorliegenden Einführung Grundfragen und Lösungsansätze. Die Kapitel wechseln zwischen theoretischer Hinführung und praktischer Anwendung. Dabei widmet Schmitz sich unter anderem Fragen wie: „Sind Tierversuche falsch?“, „Dürfen wir Tiere töten?“ und „Brauchen Tiere Freiheit?“. Das Buch zeigt sowohl historische als auch aktuelle Positionen auf, ist gedankenanregend und aufrüttelnd zugleich.

Empfehlenswert!

Mensch Tier Bildung im Interview

Logo von 'Mensch Tier Bildung' mit einer Kuh, einem Schwein und einem Huhn

Aiyana Rosen promoviert zu Mensch-Tier-Verhältnissen in der Nutztierhaltung am Beispiel der Haltung von Kühen zur Milchproduktion in Deutschland und hat den Bildungsverein „Mensch Tier Bildung“ mitgegründet. Dieser bietet in Schulen und außerschulischen Einrichtungen Workshops zu gegenwärtigen Mensch-Tier-Verhältnissen an. Wir haben sie in Berlin getroffen und ihr einige Fragen zu diesem spannenden Verein gestellt.

Aiyana, du hast ja den Verein „Mensch Tier Bildung“ mit ins Leben gerufen. Wie und wann kam es denn zu der Gründung?

Die Gruppe fand sich vor etwa zwei Jahren zusammen. Ich persönlich hatte gerade darüber nachgedacht, selbst etwas in Richtung Bildungsarbeit zum Thema Mensch-Tier-Verhältnisse bzw. vor allem zur sogenannten Nutztierhaltung auf die Beine zu stellen, aber mir fehlten die Leute, mit denen ich hätte zusammenarbeiten können. Witzigerweise hörte ich dann genau in der Zeit von der sich gerade zusammenfindenden Gruppe, die heute „Mensch Tier Bildung“ heißt.

Das ist ein schöner Zufall. Was ist euer Anliegen?

Unser Anliegen ist es, Aufklärungsarbeit zu leisten. Viele vertreten Positionen zum Thema, ohne sich mit den bestehenden Verhältnissen ernsthaft auseinanderzusetzen. Wir sind der Ansicht, dass sich jeder seine eigene Meinung bilden können muss, aber erst nach Kenntnis der Faktenlage. Wer die Augen verschließt, kann auch keine ernstzunehmende Position vertreten. Auch Kinder und Jugendliche sollten die Möglichkeit bekommen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und nicht einfach die Positionen ihres Umfelds übernehmen. In der Schule kommt eine kritische Beschäftigung mit dem Thema bislang aber leider noch viel zu kurz.

Als erstes haben wir beispielsweise einen Workshop zu Kühen in der Milchproduktion ausgearbeitet. Das fanden wir wichtig, da über Fleisch schon viel gesprochen wird, über Milch aber noch viel zu wenig. Dabei ist das Tierleid bei der Haltung sogenannter Milchkühe kein geringeres. Das ist vielen gar nicht so klar. Das Töten der männlichen Kälber und die Trennung von Kuh und Kalb direkt nach der Geburt sind die Regel. Euterentzündungen bei 30-50% aller Kühe gelten als normal. Viele Kühe haben zudem schwerwiegende Klauenprobleme. Und all dies gilt übrigens genauso für die Biohaltung. Da bestehen keine nennenswerten Unterschiede. Und auch die vermeintlich glückliche Kuh auf der Weide wird in Deutschland immer seltener.

Uns ist es wichtig, ein Bewusstsein für solche Problemlagen zu schaffen. Wegen der Tiere, die unter den Verhältnissen leiden. Und auch wegen der enormen Klima- und Umweltschäden, die mit der industriellen Tierhaltung in Zusammenhang stehen sowie weiterer Problemlagen, die mit dem Konsum von Tierprodukten verbunden sind: Welternährungsproblematik, Abholzung der Regenwälder für Tierfutteranbau usw.

Ja, da besteht eine Menge Aufklärungsbedarf. Was bietet ihr genau an? Wo liegen eure Schwerpunkte?

Wie gesagt, angefangen haben wir mit einem Workshop zur Haltung von Kühen zur Milchproduktion, der sich an ältere Schüler*innen richtet, also so 11.-13. Klasse. Nun bieten wir aber auch einen Projekttag für Jüngere an, der sich mit allen in der Landwirtschaft genutzten Tieren beschäftigt. Der ist für die 5. und 6. Klasse konzipiert. Hier gehen wir spielerischer an das Thema heran, mit Malen, Film, „Puzzle“ und Spielen zum Thema. Ein dritter Workshop richtet sich an außerschulische Jugendeinrichtungen. Auch dieser Workshop ist spielerischer angelegt. Wir kochen mit den Jugendlichen, führen offene Diskussionen durch und veranstalten ein Quiz. Aber schaut einfach mal auf unsere Website (www.mensch-tier-bildung.de), da findet man unser aktuelles Workshopangebot ganz detailliert erklärt.

Guter Tipp! Wer kann euch denn buchen und wie viel kosten eure Workshops?

Wir gehen hauptsächlich an Schulen und wurden meist von den Lehrer*innen eingeladen, aber auch schon mal von Schüler*innen, die am Thema interessiert waren und das in den Unterricht einbringen wollten. Wir waren aber auch in einigen Jugendtreffs, bei FÖJ-Seminaren, auch ein Abenteuerspielplatz hatte Interesse an einem Workshop. Neuerdings bieten wir auch Projekttage im Lebenshof „Land der Tiere“ an. Wir sind also nicht an eine bestimmte Einrichtungsart gebunden, und die Schulform oder der Bildungshintergrund unserer Teilnehmer*innen ist für uns kein ausschließendes Kriterium. Wir arbeiten mit Kindern und Jugendlichen aller Bildungsniveaus zusammen. Anfragen kann bei uns erst mal jede*r…
Und zu den Kosten: Wir arbeiten auf Spendenbasis, das heißt, wir freuen uns, wenn wir etwas bekommen, aber es ist kein Muss. Wir wissen ja auch, das viele Bildungseinrichtungen wenig Geld haben, sodass da auch keine ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn sie nichts geben kann.

Wo in Deutschland seid ihr aktiv?

Bislang vor allem im Raum Berlin und Frankfurt am Main. In Zukunft werden wir aber auch im Raum Münster und Hamburg verstärkt Workshops anbieten. Und wenn es von den Kapazitäten her gerade passt, fahren wir auch immer wieder mal weiter.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Wir wollen in weiteren Städten Deutschlands Workshopmoderator*innen ausbilden, sodass wir in Zukunft möglichst deutschlandweit Workshops anbieten können. Und wir bauen unser Workshopangebot kontinuierlich aus. Allerdings müssen wir erst einmal die weitere Finanzierung sicherstellen, da ist es kürzlich schwierig geworden. Daher suchen wir nach Förder*innen und freuen uns über Spenden.

Wie kann man denn Workshopmoderator*in bei euch werden? Welche Voraussetzungen muss man erfüllen?

Wir wünschen uns Moderator*innen, die bereits über Erfahrung im Bildungsbereich und fundierte Kenntnisse zur Nutztierhaltung verfügen bzw. sich bereits kritisch mit den Mensch-Tier-Verhältnissen in unserer Gesellschaft auseinandergesetzt haben. Alle zukünftigen Workshopmoderator*innen werden jedoch auch von uns noch mal konkret geschult. Im Herbst werden wir – wenn unsere Finanzierung es zulässt – zu diesem Zweck eine Wochenendfortbildung anbieten, bei der wir neuen Moderator*innen unsere Unterrichtsmaterialien näherbringen. Dafür freuen wir uns natürlich auch noch über weitere Interessierte!

Vielen Dank, Aiyana!

Falls ihr „Mensch Tier Bildung“ an eure Schule, in eure FÖJ-Gruppe, euer Jugendzentrum oder dergleichen holen wollt, schreibt einfach eine Email an: kontakt@mensch-tier-bildung.de

Soli-Spende geht an…

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Durch den Verkauf unserer „Refugees Welcome“-Soliartikel ist eine beachtliche Summe zusammengekommen. Da wir im Kollektiv beschlossen haben das Geld an antirassitisch arbeitende Gruppen vor Ort zu geben, geht ein Teil davon an die „Antirassistische Initiative Münster“. Sie wird eine neue Lautsprecheranlage für Demonstrationen kaufen, welche ausdrücklich auch für andere Menschen aus der linken Bewegung zugänglich sein soll.
Um euch die Arbeit der AIM vorzustellen, haben wir mit Markus ein Interview geführt.

Du engagierst dich in der Antirassistischen Initiative Münster (AIM). In eurem Selbstverständnis schreibt ihr, dass alle Menschen dort leben können sollen, wo sie leben wollen. Die Realität sieht bisweilen leider anders aus. Flucht wird erschwert, Menschen illegalisiert und kriminalisiert, Abschiebungen stehen auf der Tagesordnung. Wie schätzt du die aktuelle Situation in Münster ein?

Zunächst mal ist mir wichtig hervor zu heben, dass die Menschen, die in den letzten Monaten die Festung Europa gestürmt haben, unsere uneingeschränkte Solidarität haben. Sie sind nicht ausschließlich arme Flüchtlinge, die auf eine Kleiderspende warten. Sie haben das, wovon wir und viele andere träumen, wahr werden lassen: sie haben die Grenzen der Festung Europa niedergerissen. Dafür sollten wir in erster Linie dankbar sein. Daraus ergibt sich für uns die Aufgabe, die universellen Rechte der Geflüchteten zur Geltung zu bringen. Selbstverständlich ist eine Willkommenskultur wie sie sich in Münster zeigt sehr sehr wichtig und ein deutliches Zeichen. Aber wir dürfen hier nicht stehen bleiben. Diese Willkommenskultur muss politisiert werden, was bedeutet, dass wir neben der karitativen Unterstützung der Menschen, auch aktiv für ihre Rechte eintreten müssen.

Zur Situation in Münster: Ja, wir verfügen über eine enorm starke Willkommenskultur in derStadt. Wir haben eine Politik, die sicher ein bisschen humaner mit Geflüchteten umgeht als viele andere Kommunen. Aber das reicht noch lange nicht und hält uns nicht davon ab die Politik auch scharf zu kritisieren. Weil das kleine bisschen, was hier besser läuft, längst nicht ausreicht für ein selbstbestimmtes Leben der Menschen. Und es ist auch nicht vom Himmel gefallen, sondern musste erkämpft werden, in erster Linie durch die Betroffenen selbst, deren Kampf all zu oft übersehen wird. Zuletzt: auch aus Münster werden Menschen unter unwürdigen Umständen abgeschoben. Und jede Abschiebung ist ein Akt der Unmenschlichkeit und muss verurteilt werden. Auch in Münster gibt es regelmäßig bürokratische Hindernisse, die den Betroffenen das Leben erschweren. Auch in Münster gibt es skandalöse Unterbringung von Geflüchteten. Hier muss immer wieder auf allen Ebenen protestiert und Widerstand geleistet werden.

Wo liegen momentan die Schwerpunkte eurer Arbeit? Gegen was oder wen richtet sich euer Protest?

Unser Widerstand richtet sich gegen eine Politik, die die Grundrechte von Geflüchteten systematisch einschränkt und beschneidet und das in einer Art und Weise, wie es seit 20 Jahren nicht mehr geschehen ist. Ohne auf jede einzelne Schweinerei einzugehen, muss deutlich gemacht werden, dass das humanitäre Gesäusel einer Bundeskanzlerin nichts wert ist, wenn die von ihr geleitete Bundesregierung fast im Wochentakt damit beschäftigt ist, das Leben von Geflüchteten zu verschlechtern bzw. deren Integration unmöglich zu machen. Was ist von einer Politik zu halten, die die „Sicherung der EU-Außengrenzen“ von anderen Staaten wie Griechenland fordert? Diese Sicherung kann im Klartext nur bedeuten, dass den Schlauchbooten, die die griechischen Inseln erreichen, die Luft raus gelassen wird, damit die sich darin Befindenden absaufen. Sie bedeutet letztlich nichts anderes, als was die AFD-Vorsitzende Petry, unter lautem Protest der herrschenden Politik, gefordert hat: einen Schießbefehl an den Außengrenzen. Aber die Menschen, die unter lebensgefährlichen Umständen ihre Heimat verlassen, werden sich durch nichts davon abhalten lassen nach Europa zu kommen. Weder von immer neuen Zäunen die errichtet werden, noch von bewaffneten Polizist_innen. Und das ist ihr gutes Recht. Zudem betreibt die EU eine Politik, die mitverantwortlich für ihre Flucht ist. Das bedeutet, dass sich unser Protest sowohl gegen staatliche wie kommunale Politik richtet. Uns ist dabei wichtig, dass wir von unserem Selbstverständnis her von dieser Politik nichts fordern oder gar erbitten. Wir möchten vielmehr die unmittelbar Betroffenen unterstützen, selbstverantwortlich ihre Rechte einzufordern und mit ihnen gemeinsam für ein menschenwürdiges Leben kämpfen. Ein Leben ohne Grenzen, die Menschen von einander trennen und künstliche staatliche Gebilde sind, die wir ablehnen und niederreißen wollen.

Nicht nur auf staatspolitischer Ebene werden rassistische Entscheidungen getroffen, wie nicht zuletzt das verabschiedetet Asylpaket II zeigt. Auf Pegida-Demonstrationen entladen sich nationalistische, rassistische Einstellungen auf den Straßen und die Gewalt gegen Geflüchtete nimmt drastische Ausmaße an.

Es ist im Moment kaum möglich und auch nicht wünschenswert, bei einer Stellungnahme zur aktuellen Flüchtlingspolitik, den offen zu Tage tretenden Rassismus in Deutschland zu übergehen. Es vergeht ja kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo im Land (und hier möchte ich betonen, keinesfalls nur in Sachsen) Geflüchtetenunterkünfte angegriffen, Menschen beleidigt oder attackiert werden und offen rassistische Kundgebungen oder Demonstrationen stattfinden. Dies ist gerade zum unerträglichen Normalzustand geworden. Ich fürchte, wir haben uns bereits zu sehr daran gewöhnt oder wollen nicht immer daran erinnert werden. Wir müssen uns aber bewusst machen, dass da nicht irgendwelche Stiefelnazis am rechten Rand ihr Unwesen treiben. Dieser Rassismus kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Hier ist es wichtig sich auch über seine eigenen rassistischen Anteile bewusst zu werden, statt sie an den rechten gesellschaftlichen oder geographisch östlichen Rand zu schieben. Es ist der Rassismus, der schon immer in dieser Gesellschaft virulent war und jetzt offener als je zu vor zu Tage tritt. Ich selbst habe den Eindruck, dass unsere Gesellschaft in einer derart ausgeprägten Form polarisiert ist, wie ich es in meiner langjährigen politischen Arbeit noch nicht erlebt habe. Denn anders als in anderen Spannungsfeldern und Themen, die radikale Linke besetzen, wie Atompolitik oder Militarismus, wird hier von Akteur_innen der Rechten die menschliche Existenz in grundsätzlicher Form in Frage gestellt. Und mit diesen Menschen kann und möchte ich auch nicht mehr reden, auch wenn ich gestehen muss, dass ich keine Idee habe, wie wir das Problem anders lösen sollen. Was wir aber auf keinen Fall zulassen dürfen ist, dass sie in unerträglicher Weise die politische Diskussion bestimmen und Politiker_innen vor sich hertreiben, die dann – in auffallender Analogie zu den 90er Jahren – Gesetze verabschieden, die den Menschen, denen unsere uneingeschränkte Solidarität gehört, das Leben ständig weiter erschweren bzw. dafür sorgen, dass Menschen, die vor Krieg und Elend fliehen, keine Zuflucht mehr bekommen sollen. Wie weit das gesamte politische Spektrum inzwischen nach rechts gerückt ist, zeigt die Tatsache, dass die Partei Die Linke inzwischen schon die Politik einer Angela Merkel verteidigt. Wir müssen unsere Stimme erheben, laut widerstehen und offen bekennen wo wir uns positionieren. Wir müssen Sand im Getriebe des rassistischen Normalzustandes sein.

Erinnerst du dich an ein schönes Erlebnis in Zusammenhang mit deiner antirassistischen Arbeit? Was macht dir Mut?

Gerne erinnere ich mich an die Aktionen, die sich im Frühjahr 2015 rund um die Wartburgschule in Münster ereigneten. Vor allem an die Solidarität, die für alle Beteiligten spürbar war. Die von Abschiebung bedrohten Menschen wurden wirklich ernst genommen. Wie wir gemeinsam mit ihnen auf Plena diskutiert, wie wir mit ihnen gemeinsam demonstriert und wie wir abends mit ihnen gefeiert und getanzt haben. Das war etwas, was mich sehr berührt hat und ich so noch nie zuvor erlebt habe. Umso schrecklicher war es dann später von Abschiebungen von zuvor kennengelernten Menschen zu erfahren. Und dennoch bleibt das Gefühl, dass das, was sich damals ereignete, nicht umsonst war. Ich glaube, dass es für die Betroffenen eine wichtige Erfahrung war, dass es gelebte Solidarität im Gegensatz zu institutioneller Kälte und brutaler Bürokratie gibt. Für viele Aktive war es ein einschneidendes Erlebnis, das sie nachträglich prägte und auch motiviert weiter zu kämpfen. Dazu könnte ich noch sehr viel mehr berichten, was aber hier den Rahmen sprengen würde.

Der direkte Kontakt auf Augenhöhe, wie du ihn beschreibst, anstatt ein paternalistisches Agieren, sollte viel mehr gelebte Praxis werden. Wie können Interessierte zu euch stoßen?

Wer sich in antirassistischer Arbeit engagieren möchte, der_dem bieten sich in Münster sehr viele Möglichkeiten. Neben der Antirassistischen Initiative und einigen anderen gibt es noch die Gruppe grenzfrei und das Bündnis gegen Abschiebung. Uns erreicht mensch am besten über E-Mail an initiative_ms@riseup.net. Wir freuen uns immer über neue Mitstreiter_innen.

CO2-Ausgleichszahlung 2015 geht an ausgeCO2hlt

Wie auch im vorherigen Jahr geht unsere Ausgleichszahlung für den CO2-Ausstoß, den roots of compassion leider direkt und indirekt verursacht, an ausgeCO2hlt. Im Selbstverständnis der Aktivist*innen heißt es:

„Wir sehen den Protest gegen die Braunkohle als Teil der zahlreichen Auseinandersetzungen gegen den fossil-nuklearen Kapitalismus und fordern eine konsequente und soziale Energiewende in Selbstverwaltung. Das bedeutet für uns nicht, dass wir lediglich eine Energiequelle durch die andere ersetzen wollen. Wir sind überzeugt, dass für eine tatsächliche Energiewende an monopolisierten Machtstrukturen gerüttelt werden muss und dass wir die Spielregeln einer Wirtschaft ändern müssen, die auf grenzenlosem Wachstum und Ressourcenverbrauch aufbaut. Dazu braucht es selbstbestimmte Lebensweisen als Alternative zu überflüssigem Konsum. Und vor allem braucht es eine breite soziale Bewegung, die das Thema Klimaschutz auch mit direkten, ungehorsamen Aktionen auf die Straße bringt.“

Das finden wir sehr unterstützenswert.

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Neujahr im „Jungle“ von Calais

Ich hoffe, ihr seid alle gut ins Neue Jahr gekommen. Ich habe Silvester in einem Refugee-Camp im Norden von Calais (Frankreich) verbracht und mag meine Eindrücke mit euch teilen. Zusammen mit zwei Freund*innen habe ich mich am 28.12. auf den Weg gemacht. Da wir nur eine Woche zur Verfügung hatten, haben wir uns, statt in den Balkan oder nach Griechenland zu reisen, entschieden dorthin zu fahren, uns einen Eindruck von der momentanen Situation zu verschaffen und die Menschen vor Ort zu unterstützen, wo es uns möglich war.

Der „Jungle“ ist eine bedrückende aber auch beeindruckende kleine „Stadt“ aus Zelten und Hütten, mit kleinen Restaurants, einer Kirche, einer Moschee, einem Theater, einer Schule – alles aus Zelten, Paletten, Planen und Decken gebaut – und Matsch und Müllbergen, stinkenden Dixi-Toiletten und Kälte (besonders in der Nacht). In ihr (über-)leben zur Zeit ca. 6.000 – 7.000 Menschen mit der Hoffnung und Hoffnungslosigkeit irgendwie nach England zu kommen. Dies auf legalem Weg zu tun, wird ihnen untersagt, weshalb sie oft lebensgefährliche Risiken auf sich nehmen müssen (24 Todesfälle wurden allein in 2015 dokumentiert).

Jeden Tag kommen neue Menschen an, werden von ehrenamtlichen Helfer*innen fürs Erste mit Zelten und Decken versorgt, damit sie nicht unter freiem Himmel schlafen müssen – eine sehr prekäre Situation. Wer würde freiwillig im Winter ausgestattet mit einer Decke zelten gehen – und das auf unbestimmte Zeit?

Als wir aus dem Auto steigen, fragt mich ein Mann in Flip-Flops, ob ich mit ihm die Schuhe tauschen würde. Nein, ich habe keine anderen dabei, aber an Schuhen mangelt es, wie an so vielem anderen.

Einige Kilometer vom Camp entfernt steht ein „Warehouse“, in dem ankommende Sachspenden sortiert und deren Verteilung organisiert werden. Hier arbeiten sehr viele Freiwillige. Lieferwagen fahren von dort aus täglich in den „Jungle“. Falls ihr auch nach Calais fahren wollt, könnte u. a. das Warehouse eine Anlaufstelle für euch sein. Es liegt in der Rue Clement 56 in Calais.

Wir haben in einem Projekt direkt im Camp mitgeholfen. Nahe am Eingang entsteht basierend auf der Idee Zimako Jones‘, der konstant vor Ort ist und versucht alle Freiwilligen zu delegieren und Material anzuschaffen, eine Schule (die „Ecole Laïque du Chemin de Dunes“), eine Art Krankenhaus, Schlafräume für Lehrer*innen und Krankenpfleger*innen und ein Gemeinschaftsraum. Als wir ankamen, standen die „Häuser“ schon. Wir haben Böden mit Paletten ausgelegt, Wände im Innenbereich mit Decken isoliert, Müll eingesammelt, aber auch einige Migranten (tatsächlich nur Männer) kennen gelernt. Wir wurden zum Essen eingeladen, haben in provisorischen Hütten mit ihnen Tee getrunken, gelacht und fast vergessen wie beklemmend ihre Situation ist. Bis einer meinte, er wolle zu einem Schiff schwimmen. Er sei ein guter Schwimmer und könne es schaffen. Bei der Vorstellung wurde mir schlecht. Das „Camp“ ist kein Zuhause, keine*r will hier bleiben, alle möchten weiter. Diesen Ort dürfte es eigentlich gar nicht geben. Unsere Reise hat mich wieder einmal deutlich meine Privilegien spüren lassen. Ich weiß, dass ich einfach fahren kann, wenn es mir zu kräftezehrend wird, ich habe ein Zuhause und meine Freund*innen und meine Familie leben in Reichweite. Den Menschen in Calais müssen – auch innerhalb Europas – ihr Leben riskieren, um sich wenigstens eine neue Basis schaffen zu können.

Ich möchte mit den Worten einer Unterstützer*innen-Website schließen:

We believe in freedom of movement is for everybody and not just the rich and white. Everybody should be able to move to wherever they want, whenever they want and for whatever reason they want. The horror of the current situation is that those with the most important reasons to move are also the ones most restricted and criminalised for doing so.

^Deni

https://calaismigrantsolidarity.wordpress.com/
http://calaismigrantsolidarity.blogsport.de/
https://www.google.com/maps/d/viewer?mid=zddfRUtGScOc.kQBgTQcoV5FM&hl=en_US

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