Politisches

400 € an die Bio-Veganen Landbautage!

Zum Weltvegantag hat roots of compassion 400 € an die Bio-Veganen Landbautage gespendet. Auf dem Bild sehr ihr außerdem trockene Erde, die mit verschiedenen Gartengeräten fruchtbar gemacht wird, sodass ein erster grüner Salat auf ihr wächst.

Zum Weltvegantag haben wir ja eine kleine Spendenaktion zugunsten der Bio-Veganen Landbautage 2015 durchgeführt. Durch eure Bestellungen haben wir insgesamt einen Betrag von fast 400 € gesammelt, den wir dann entsprechend aufgerundet und gespendet haben. Wir hoffen, dass das Netzwerk wächst, gedeiht und bio-veganer Landbau bald nicht mehr so selten ist …

Spende an CAREA

roots of compassion spendet 260 € an CAREA

Ausnahmsweise wollen wir euch die Auswertung unserer Spendenaktion mal nicht so lange schuldig bleiben – von der Oktoberaktion spenden wir 260 € an CAREA. Auch dieses Mal haben wir zur Aktion ein Interview mit Menschen von CAREA im Blog gehabt. Schaut mal rein!

„… Und warum machst du das?“

Wie wir die absurdesten Dinge als Naturgesetz erscheinen lassen. Vegan mit Roland Barthes.

An ideologische Schlachten auf dem Feld der Ernährungstheorien beginnt Mensch sich zu gewöhnen. Aber auch der Alltag wird erträglicher durch den Rückgriff auf Mythen. Der moderne, aufgeklärte Mensch umgibt sich mit ihnen sehr gerne um sich etwas Unschuld zu pachten.

Als Roland Barthes 1957 die „Mythen des Alltags“ veröffentlichte, definierte er den Mythos als kollektiv unbewusste Annahme. Der Mythos leugnet nicht die Dinge, er entpolitisiert sie. „Er gründet sie in der Natur und ewiger Dauer, gibt ihnen die Klarheit nicht einer Erklärung sondern einer Feststellung.“ Wenn ich etwas feststelle, ohne es zu erklären, ist es nur noch einen kleiner Schritt und es erscheint selbstverständlich und natürlich. Etwas vom Menschen gemachtes wird so zur unhinterfragbaren Naturgegebenheit. Die Komplexität menschlichen Handelns wird aus der Sache entfernt. Damit kann nahezu jede noch so abstruse menschliche Untat naturalisiert werden.

In diesem Licht erscheint die Frage, warum wir etwas nicht verspeisen wenig gerechtfertigt. Zumindest nicht mehr gerechtfertigt als die Frage, warum überhaupt ein Mensch Leichenteile oder Drüsensekrete anderer Tiere zu sich nimmt. Trotzdem ist die Frage „Warum Vegan?“ allgegenwärtig. Ihr geht die Feststellung voraus, eine omnivore Ernährung sei natürlicher oder normaler als der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel.

Anthropozentrismus und Speziesismus sind kein bisschen „natürlicher“ als die bedingungslose Freiheit und Unversehrtheit aller Lebewesen. Der ethische Konflikt, der sich daraus ergibt, dürfte für sehr viele Menschen ein unaushaltbarer Begleiter sein. Deswegen werden Mythen benötigt um ein völlig abstruses System der Ausbeutung zu legitimieren.

Der gleiche Mechanismus funktioniert auch bei der Naturalisierung von Lohnarbeit, Geschlechterrollen oder Nationalstaaten.

entfremdung der lebewesentierebilderoekonomien

Barbara Noske diskutiert die anthropozentrische Entwertung der Natur im westlichen Denken und zeigt auf, wie Trennlinien zwischen Mensch und Tier gezogen werden.

Aktuelle Forschung zum gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnis ist in „Tiere Bilder Ökonomien“ vom Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies zusammengefasst.


Spende an Teachers on the Road

roots of compassion spendet 277 € aus dem Verkauf der Refugees Welcome Artikel an Teachers on the Road

Hier noch schnell das Ergebnis unserer Aktion zugunsten von Teachers on the Road“: Wir haben 277 € an die Organisation gespendet. Der Erlös aus dem weiteren Verkauf aller weiteren Refugees Welcome Shirts geht dann wieder an lokale Initiativen, die sich für Refugees engagieren.
Wohin genau, erzählen wir euch dann bei der nächsten Gelegenheit 😉

CAREA: Menschenrechtsbeobachtung in Guatemala und Chiapas

Seit einigen Jahren schon vertreiben wir zapatistischen Kaffee und haben einige persönliche Kontakte zu Menschen, die Solidaritätsarbeit für Chiapas machen. Und auf die eine oder andere Weise sind wir in linken Kontexten natürlich ohnehin mit dem Aufstand in Chiapas in Berührung gekommen. Daher freuen wir uns, euch heute die Organisation vorzustellen, die von deutscher Seite Leute für die Menschenrechtsbeobachtung in Chiapas und internationale Begleitung in Guatemala vorbereitet: CAREA (CAdena para un REtorno Acompañado).
In diesem Kontext werden wir 5 % unseres Umsatzes in dieser Woche, also zwischen dem 19. und dem 25.10.2015, an CAREA spenden.

Heike und Christoph, vielen Dank, dass ihr die Zeit für ein kleines Interview habt. Was genau macht CAREA denn eigentlich?

Zapatistisches Wandbild in Chiapas
Wandmalerei in Chiapas. Quelle: CAREA

Christoph: Vielen Dank erst einmal für euer Interesse und für die Möglichkeit, dass wir uns mal bei euch vorstellen können. Super auch, dass ihr den Kaffee der Zapas verkauft. Viele von uns haben einen besonderen Bezug zu diesem Produkt, weil sie Kaffebäuer*innen persönlich getroffen und die Kollektive kennen gelernt haben. Jetzt aber mal zu dem „Wir“ und zu unseren Aufgaben.
CAREA bereitet jährlich Dutzende Freiwillige auf ihre Arbeit vor. Ich würde das als unsere Kernaufgabe bezeichnen. In mehrtätigen interaktiven Workshops erhalten Freiwillige einen Einblick in die Geschichte, soziale Situation und das politische System der jeweiligen Länder, werden interkulturell sensibilisiert und diskutieren Widersprüche und Herausforderungen internationaler Solidaritätsarbeit. Die Vorbereitung der Freiwilligen wird bei den Entsendeorganisationen vor Ort sehr geschätzt. Zuhause angekommen, können Freiwillige Ihre Erfahrungen in Nachbereitungsseminaren reflektieren und aufarbeiten.
In Infoveranstaltungen lassen wir Expert*innen zu Wort kommen und ermöglichen interessierten Personen einen fundierten Einblick in die Situation vor Ort. Dabei sind bei uns Expert*innen Menschen, die die Situation vor Ort an der eigenen Haut erfahren. Sie müssen nicht dicke Bücher geschrieben haben.
Gemeinsam mit zahlreichen anderen Organisationen und Partner*innen analysieren wir in diversen Arbeitskreisen die aktuellen Herausforderungen, koordinieren die Zusammenarbeit und bereiten Treffen mit politischen Entscheidungsträger*innen vor. Die Unterstützung der begleiteten Zivilgesellschaft durch politische Arbeit in Deutschland ist ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie. Vor Ort besuchen wir Menschenrechtsorganisationen, aber auch staatliche Menschenrechtsinstitutionen und berichten. Zudem besuchen wir regelmäßig die Botschaft und Institutionen der EU. In Deutschland sind wir ebenfalls mit anderen Hilfswerken und Organisationen in Kontakt und diskutieren beispielsweise regelmäßig mit dem Auswärtigen Amt. Denn wir können die Augen verschließen wie wir wollen – es ändert nichts daran, dass europäisches und deutsches Kapital und europäische Politik diese Megaprojekte mittragen.

Warum ausgerechnet Guatemala und Chiapas?

Heike: Aus beiden Ländern gab und gibt es Anfragen zu Menschenrechtsbeobachtung und schützender Begleitung. In Guatemala hat peace brigades international (pbi) dieses Konzept in den 1980er Jahren aufgebaut. Man machte dort die gute Erfahrung, dass die Präsenz von internationalen Friedensgruppen lokale und nationale MenschenrechtsverteidigerInnen schützt. Damit dieses Konzept wirklich funktioniert, wird es mit internationaler Öffentlichkeitsarbeit sowie der Vernetzung mit anderen Menschenrechtsorganisationen verbunden. In den 1980er Jahren sind viele guatemaltekische Campesinos (Bauern) vor den Militärdiktaturen nach Chiapas in Mexiko geflüchtet. 1992 organisierten guatemaltekische Flüchtlinge ihre Heimkehr aus den Flüchtlingslagern in Chiapas und baten um internationale Schutzbegleitung. Dafür reichte das pbi Friedensteam in Guatemala mit 12 Leuten aber nicht aus. Also gründeten internationale Guatemala-Solidaritätsgruppen Organisationen, um die Begleitung zu gewährleisten, in Deutschland CAREA.

Christoph: Unsere Arbeit war also von Anfang an eng mit Chiapas und Guatemala verbunden. 1993 schickte CAREA bereits die ersten internationalen Freiwilligen um die vor dem Bürgerkrieg nach Chiapas Geflüchteten bei ihrer Rückkehr nach Guatemala zu begleiten. Das gibt auch unser Name wieder: “CAdena para un REtorno Acompañado”. Was “Kette für eine begleitete Rückkehr” bedeutet. Die Metapher der Kette soll die Kontinuität der Begleitung unterstreichen. Diese Kette verbindet aber auch direkt die beiden Regionen in denen wir arbeiten.
Ein weiteres wichtiges Thema wurde mit der Zeit die geschichtliche Aufarbeitung des internen bewaffneten Konflikts, der 36 Jahre von 1960-1996 das Land lähmte. Diesem Konflikt fielen 200 000 Menschen, meist indigene Personen, zum Opfer und 50 000 gelten als verschwunden.

Fiktives Suchplakat, mit dem Rios Montt wegen Genozid gesucht wird.
Plakat der Kampagne gegen Rios Montt. Quelle: CALDH

Eine Wahrheitskommission fand heraus, dass 93 % der Verbrechen dem Militär zugeschrieben werden können. Viele mächtige Menschen, die also vieles zu vertuschen haben. Wir begleiten Personen und Organisationen, die Täter*innen systematisch vor Gericht bringen und deswegen bedroht werden. Und wir begleiten Zeug*innen. Am 10. Mai 2015 wurde Ríos Montt, Militärdiktator von 1982 bis 1983, zu 80 Jahren Haft wegen Genozids und Verbrechen an der Menschheit verurteilt. Ein großer Tag für die Bewegung, weil in seiner kurzen Regierungszeit die meisten Verbrechen stattfanden. Das Urteil wurde aber nur 10 Tage später aufgrund vorgeschobener Verfahrensfehler aufgehoben und das Verfahren läuft weiter.
Ein immer wichtigeres Thema sind sozio-ökologische Konflikte, also Konflikte um Landnutzung beispielsweise. In Guatemala gibt´s bereits unzählige Megaprojekte wie Minen, Staudämme und Plantagen und Dutzende weitere Lizenzen für solche und ähnliche Projekte. Viele Menschen wehren sich gegen Vertreibung, Umweltverschmutzung, Verletzung indigener Rechte und Korruption. Diese Menschen werden bedroht und stark kriminalisiert. Alleine zehn Aktivist*innen, die ich begleitet habe, sitzen im Gefängnis unter fadenscheinigen Anklagen. Sie wurden nicht verurteilt, sondern befinden sich in Prozessen, die systematisch hinausgezögert werden. Eine unmenschliche psychische, soziale und finanzielle Belastung für die Menschen vor Ort. Sie können nicht arbeiten und die Familien haben weite Anreisen um die politischen Gefangenen zu besuchen. Regelmäßig kommen Aktivist*innen um, ohne dass ernsthafte Ermittlungen stattfinden.

Video der Kampagne „Die Gesichter der Vertreibung“

Heike: In Chiapas begann die mexikanische Regierung einen Krieg der Aufstandsbekämpfung nach dem Aufstand der Zapatistas 1994. 1995 drang die mexikanische Armee in viele indigene Dörfer ein. Die Erfahrung des Schutzes durch Menschenrechtsbeobachtung existierte schon (zumindest weil es den GuatemaltekInnen geholfen hat). Anders als in Guatemala war in Mexiko auch Schutz durch die nationale Zivilgesellschaft möglich. Der beste Schutz ist aber eine Kombination von beidem, sowohl durch MexikanerInnen aus den Städten als auch Internationale.

Mehrere Militärjeeps auf einer staubigen Straße zwischen Feldern in Chiapas
Militärpatrouille in Chiapas. Quelle: Dorit Siemers

Das damals zur Diozöse San Cristobal gehörende Menschenrechtszentrum Fray Bartolome de las Casas, Fray Ba, organisierte auf Anfrage der betroffenen Dörfer Karawanen, Brigaden und Friedenscamps. Bald merkten sie aber, dass immer wieder Menschen dazu kamen, die nicht gut vorbereitet waren. Deshalb stellten sie 1998 eine Anfrage an CAREA und andere internationale Organisationen, Leute für die Menschenrechtsbeobachtung vorzubereiten. Die Erfahrung zeigt, dass in Chiapas die Angriffe auf Gemeinden in denen Menschenrechtsbeobachter*innen präsent sind, fast nicht stattfinden. Und wenn etwas doch passiert, wird es schnell bekannt und dadurch Schlimmeres verhindert. Dazu kommt der psychologische Effekt: Die Campesin@s haben die Möglichkeit in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen, wenn sie wissen, dass sie nicht alleine sind.
Für uns als Menschenrechtsbeobachter*innen kommt dazu, dass wir von den Dörfern lernen: ihre Ideen, Organisation und Kämpfe für eine gerechtere Welt … wir nehmen einiges mit, auch für unsere sozialen Bewegungen in Europa. Es ist ein direktes Voneinander-Lernen.

Wie sieht die Aufgabe der Menschenrechtsbeobachter*innen in Guatemala und Chiapas konkret aus?

Innenraum eines Friedenscamps in Chiapas
Friedenscamp in Chiapas. Quelle: CAREA

Heike: Zuerst melden wir uns beim Fray Ba in San Cristobal. Hier nehmen wir an einer kurzen Vorbereitung teil und werden für verschiedene Gemeinden eingeteilt. Wir erhalten Einblick in die Berichte derjenigen, die vor uns dort waren. Dann machen wir oft noch Einkäufe, je nach Gemeinde kaufen wir Lebensmittel vor Ort oder bringen sie mit. In der Regel gehen wir zu zweit oder dritt und bleiben 2 Wochen vor Ort. Am nächsten Tag geht’s los: mit Bus, Taxi, Pickup Trucks, teilweise auch zu Fuß. In einigen Gebieten besuchen wir erst ein Caracol, eines der 5 Zentren der Zapatistas, und sprechen dort mit deren Regierung. Sie teilen ein, in welche Gemeinde wir genau geschickt werden. So nach ein oder zwei Tagen sind wir dann angekommen. Manchmal sind wir bei einer Familie zu Gast, meistens aber hat das Dorf ein Haus für Gäste und MenschenrechtsbeobachterInnen gebaut. Diese nennen sie auch “zivile Friedenscamps”. Die Tage verbringen wir mit einfachem Leben, wie Kochen mit Feuerholz, Wasser holen, Wäsche waschen, baden. Oft spielen wir mit den Kindern, die uns gerne besuchen. Manchmal gibt es Gespräche mit Leuten aus der Gemeinde. Meistens ist unser Leben sehr ruhig, die Präsenz wirkt einfach durch sichtbares Da-Sein. Aber es gibt auch Orte in denen wir Bewegungen des Militärs beobachten und dokumentieren: Fahrzeuge und Soldaten bzw. bewaffnete Zivilpersonen, Einschüchterungen etc., um all dies später dem Fray Ba zu melden. In sehr sehr seltenen Fällen kam es trotz Anwesenheit zu angespannten Situationen und die Menschenrechtsbeobachter*innen entscheiden dann mit den Verantwortlichen der Gemeinden, was sie tun: Bleiben, Abreisen, Infos raus bringen, Leute auf der Flucht begleiten…

Christoph: In Guatemala werden die Freiwilligen von ACOGUATE – Acompanamiento Internacional in Guatemala“ in Empfang genommen. Sie werden eine Woche lang intensiv vorbereitet. ACOGUATE wurde 2000 von elf Komites aus zehn Ländern – zwei kommen aus den USA – gegründet und arbeitet in unterschiedlichen Regionen. Neben einer allgemeinen Schulung zur Situation in Gautemala, bekommen die Freiwilligen separate Schulungen zu den Regionen in denen sie arbeiten werden. Anschließend gehen die Freiwilligen zu zweit in den Einsatz. Eine erfahrene Person ist immer dabei und stellt die Person den begleiteten Personen und Organisationen vor. Erklärt aber auch die Wege dorthin. Das kann nämlich auch mal richtig kompliziert sein. Irgendwann verlässt die erfahrene Person die Region und die neue ist dann die erfahrene. So ist Kontinuität gewährleistet. Nach ca. fünf Wochen kommen wir dann vom Einsatz zurück und nach ca. einer Woche gehen die Teams wieder in die Regionen. Der Mindestaufenthalt bei Einsätzen in Guatemala ist daher drei Monate. Also zwei Einsätze in den Regionen. Wir empfehlen aber mindestens sechs Monate, weil erst danach die Situation für einen begreifbar wird und einem die begleiteten Menschen Vertrauen schenken.

Plakat mit der Ankündigung zur Geburtstagsfeier von CAREA
20 Jahre CAREA! Quelle: CAREA e. V.

CAREA feiert diesen Monat 20. Geburtstag. Wie ihr sagtet, könnt ihr als Erfolg sicherlich verbuchen, dass die Präsenz erkennbar Wirkung zeigt bzw. bei Konflikten meist Schlimmeres verhindert werden kann. Wo würdet ihr ansonsten Erfolge oder auch Misserfolge von 20 Jahren Begleitung sehen?

Heike & Christoph: Als einen wichtigen Erfolg sehen wir, dass unsere Begleitung immer mehr angefragt wird. Das zeigt uns, dass wir einen wichtigen Beitrag zur friedlichen Bewältigung von Konflikten beitragen können. In solchen angespannten Situationen in denen wir arbeiten und leben ist es schon ein Erfolg, dass es unter uns keine Todesopfer und keine körperlichen Verletzung gab. Allerdings gibt es immer wieder Drohungen und Diffamierungen gegen internationale Menschenrechtsbeobachter*innen.
Ein wichtiger Erfolg ist die steigende Akzeptanz unserer Arbeit auch bei politischen Institutionen. Wie bereits erwähnt werden wir von der Botschaft in Guatemala regelmäßig eingeladen um unsere Sicht dazustellen. Durch die unmittelbare Nähe zu Menschen und Organisationen können wir wichtige Perspektiven einbringen. In Deutschland steigt die Akzeptanz auch.
In Bezug auf Chiapas sind wir etablierter Bestandteil der deutschen Menschenrechtskoordination Mexiko, die auch von Politiker*innen ernst genommen wird. Zudem sind wir ein kleiner, aber wichtiger Baustein für die Erfolge der begleiteten Menschen und Gemeinden. Für uns ist ein Erfolg, dass sozialen Bewegungen wie die Zapatistas in Chiapas, ihre Dörfer und Strukturen weiterentwickeln können.
Aber es ist auch total schön, dass wir diesen Monat unseren 20. Geburtstag als Verein feiern können, dort interessante Vorträge hören, zu coolen Bands tanzen werden und viele nette und interessante Menschen treffen.
Und wie seht ihr die Entwicklung in Guatemala? Ihr sagtet, dass in Guatemala aufgrund der Kriminalisierung und des Todes von Aktivist*innen von einem “Aufflammen des bewaffneten internen Konflikts” die Rede ist. Rios Montt wurde immerhin verurteilt, aber dann das Urteil wieder aufgehoben.

Im September waren Wahlen in Guatemala, am 25. Oktober findet der zweite Wahlgang für den Präsidenten statt, da es keinen eindeutigen Gewinner gab. Kurz vor den Wahlen gab es die größte Demonstration in der Geschichte Guatemalas, vor allem das Thema “Korruption” überschattet scheinbar alles, auch die Frage, ob die Wahlen überhaupt legitim sind. Es gab viele Rücktritte auf den höchsten Regierungsebenen, und es gibt keine aussichtsreichen Kandidat*innen, die nicht in Zusammenhang mit Korruption gebracht werden …
Gibt es unterm Strich mehr Licht oder mehr Schatten?

Christoph: Das sind sehr viele Fragen! Erstens: Natürlich ist das Urteil gegen Rios Montt und Rodriquez Sanchez ein großer Erfolg. Es steht schwarz auf weiß, dass in Guatemala Verbrechen begangen wurden. Die Gegenseite ist aber auch sehr mächtig und die werden alles geben, dass die beiden Angeklagten außerhalb eines Gefängnisses sterben und nicht in Haft. Trotzdem: Die Menschen, die dafür gekämpft haben, haben viel geschafft. Auch wenn nicht alles.

Video zu einer Kampagne von CALDH

Auch zum zweiten Punkt gibt es keine einfache oder eindeutige Antwort. Es ist bewundernswert, dass trotz eines schwachen Staates und eines schwachen Justizapparates Personen mit hohen Posten zurücktreten mussten und sich nun einem Gerichtsverfahren ausgesetzt sehen. Damit sind nicht alle gesellschaftlichen Probleme gelöst, die Zivilgesellschaft hat aber Macht demonstriert. Auch sich selbst. Die nächsten Politiker*innen werden das vor Augen haben.
Kurz: Ich kann dir nicht sagen, ob es mehr Licht oder mehr Schatten gibt. Es gibt Licht und das macht uns Hoffnung.

Ihr sagtet, dass in den 1980er Jahren viele Guatemaltek*innen nach Chiapas flüchteten. Gibt es einen feststellbaren Einfluss von mehr als 20 Jahren Aufstand in Chiapas auf das nahe gelegene Guatemala?

Heike: Das kann ich nicht direkt sagen. Wobei immer, wenn ich mit Aktivist*innen in Guatemala, Salvador und Honduras spreche, entdecke ich viel Interesse, oft Bewunderung, für Zapatist@s – aber keinen direkten Einfluss.

Christoph: Ich würde sagen, dass es den auf jeden Fall gibt! Viele Menschen sehen genau, was die Zapatist*innen und die lokale Zivilgesellschaft alles erreicht haben. Viele Menschen haben während ihres Aufenthaltes in Chiapas Gemeinden und Menschen getroffen, die aktiv in der Zivilgesellschaft sind. Es gibt einen Austausch und beide Seiten wollen voneinander lernen, leider ist das unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen schwierig und nur wenigen möglich.

Wer die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes sieht, wird vielleicht nicht direkt nach Guatemala wollen, gerade wenn es dann auch noch um die Begleitung von Menschen geht, die durch die Begleitung geschützt werden sollen. Wie beurteilt ihr selbst die Gefährdung?

Heike: Die allgemeine Kriminalität in Guatemala ist sehr hoch und Raubüberfälle gehören zum Alltag. Das schreckt zurecht viele Leute ab. Das beeinträchtigt auch für uns die Bewegungsfreiheit und Sicherheit. Aber da unsere Präsenz deutlich die Sicherheit der Begleiteten erhöht, gehen wir hin. Wir müssen dabei aber mehr Einschränkungen unseres Privatlebens hinnehmen, die Sicherheitslage genauer analysieren und entsprechende Massnahmen ergreifen … Dadurch werden auch die Beziehungen mit Botschaften und internationalen Organisationen nochmal wichtiger.

Christoph: Wir müssen aber auch sehen, wer in größter Gefahr lebt. Es ist meist die arme Bevölkerung, die der größten Gefahr ausgesetzt ist. Tourist*innen setzen sich natürlich auch einem gewissen Risiko aus, das ist aber nicht damit vergleichbar, welche Gefahren beispielsweise indigene Frauen in bestimmten Gebieten erleben oder was Flüchtlinge auf dem Weg nach Norden aushalten müssen. Die Statistiken geben das nur indirekt wider. Wir genießen einen gewissen Schutz durch unsere Herkunft und unseren Pass. Das sind unsere Privilegien, mit denen sich Menschenrechtsbegleiter*innen auseinandersetzen müssen, aber mit denen auch gearbeitet werden kann.

Kommen wir mal zu einer ganz praktischen Frage, die für viele Veganer*innen von Bedeutung sein könnte: Wie gut kann ich vegan in Guatemala (PDF) und Chiapas über die Runden kommen?

Heike: Die meisten Leute hier leben unfreiwillig meistens überwiegend vegan. Allerdings bekommen Gäste oft Eier. In Chiapas kochen wir in den Dörfern meistens selbst, das ist also auch kein Problem. Schwierig wird es wenn wir zu Festen eingeladen werden. Denn dann werden Tiere geschlachtet und es ist den meisten Leuten unverständlich, wenn wir da nicht mitessen. Ich persönlich bin Vegetarierin und habe bei Festen oft eine Ausnahme gemacht. Zumal meine Argumente des Keine-Tier-Essens dort unsinnig werden. Tiere leben im Dorf mit den Menschen, sehr viel freier als in Deutschland, fressen was lokal produziert wird, und gehören so in den natürlichen Kreislauf, meine ich.

Christoph: Diese Frage habe ich mir auch gestellt, als ich nach Guatemala ging, weil ich auch vegan lebte. Das habe ich mehr oder weniger sechs Wochen durchgehalten. Die Leute waren aber immer sehr irritiert. Nachdem ich um ein Frühstück ohne Ei gebeten habe und Kuchen bekam, habe ich es dann aber aufgegeben. Ich war hauptsächlich vegan aus politischer und ethischer Überzeugung und war dann, als ich hier wieder ankam, doch irritiert, dass es für viele Menschen mehr um Fitness ging als um Tierrechte. Mir wurden dann meine Privilegien, sich so intensiv mit meinem Essverhalten auseinandersetzen zu können, radikal bewusst. Das heißt nicht, dass es dadurch seine Legitimation verliert. Es ist einfach kompliziert. Veganer*innen, die nur wegen ihres Lifestyles und ihres Body-Mass-Indexes „verzichten“, nerven mich. Vor dem Einsatz waren mir diese Life-Styles einfach egal, heute sind sie für mich auch ein Synonym unserer Konsumgesellschaft. Einer Konsumgesellschaft, die zu den Katastrophen und Konflikten an vielen anderen Orten mitverantwortlich ist. Auch ein unreflektierter Veganismus ändert aus meiner Sicht nichts daran. Wie dem auch sei: Solche Einsätze regen zum Nachdenken über gesellschaftliche Verhältnisse und eigene Privilegien an.
Aber ich will noch einen anderen praktischen Aspekt erwähnen. Es ist wahr, dass viele Tiere auf den Höfen leben. Aber es gibt auch noch eine andere Seite. Es sind unglaublich grausame Tiertransporte unterwegs und es herrscht eine gewisse Respektlosigkeit vielen Lebewesen gegenüber. Diese allgemeine Gewalt ist sehr präsent. Hier gibt´s diese Gewalt natürlich auch, aber versteckt hinter Fabrikwänden und speziell ausgebauten LKWs. Hier ist das Wegschauen einfacher. Ich muss mich immer wieder an diese Anblicke und diese Gewalt gewöhnen, vor allem weil es eine gewisse Hilflosigkeit und Verzweiflung weckt.

Derzeit verbreitet ihr einen Spendenaufruf (PDF): Mögt ihr nochmal kurz erzählen, warum und wofür ihr Geld benötigt?

Heike: Wir arbeiten alle ehrenamtlich oder für geringe Aufwandsentschädigung. Geld brauchen wir für Büromiete und Material, Reisekosten der Referent*innen zu Vor- und Nachbereitungsseminaren und Vereinstreffen. Übernachtung und Verpflegung. Reisekosten für Vernetzungstreffen und Fortbildungen um die Qualität unserer Arbeit zu gewährleisten. Einen Teil des Geldes bekommen wir über Anträge von Stiftungen und Hilfswerken, aber bei jeder Maßnahme muss ein Eigenanteil gezahlt werden. Außerdem sind uns Spenden wichtig um die Abhängigkeiten von diesen großen Geldgebern zu vermeiden.

Christoph: Ein Großteil der Gelder wird aber auch an die Organisationen vor Ort gehen. Die brauchen auch immer Geld um ihre Arbeit vor Ort auf einem hohen Niveau gewährleisten zu können. Die Repressionen steigen, die solidarische Arbeit zu Zentralamerika aber nicht unbedingt. Das macht vielen Menschen Sorgen. Mit kleinen Spenden versuchen wir dem entgegen zu wirken.

Heike und Christoph – ich danke euch für das Interview!

Wenn ihr jetzt selbst Interesse an Menschenrechtsbeobachtung in Guatemala oder Chiapas habt: Dieses Jahr finden noch zwei Vorbereitungsseminare statt – eines zu Chiapas und das andere zu Guatemala
Wie erwähnt, benötigen CAREA und die Organisationen vor Ort finanzielle Unterstützung: Spenden könnt ihr hier loswerden!

Alternativ freuen wir uns über euren Besuch in unserem Shop – wie schon geschrieben gehen 5 % unseres Umsatzes diese Woche an CAREA!

tierretter.de – Interview und Spendenaktion

Eine Woche lang spendet roots of compassion für jeden Kauf aus einer Auswahl schicker Shirts jeweils 5 € an tierretter.de

Seit 2014 hat mit tierretter.de ein Tierrechts-Rechercheteam in Münster sein Zuhause gefunden. Wir freuen uns, dass Christian von tierretter.de ihre Arbeit ein wenig vorstellen will und unsere Fragen beantworten mag.

Dieses Mal unterstützen wir tierretter.de mit 5 € pro verkauftem Liberation-, Freedom-, Until all are free- und Liberate-Shirt in der Zeit vom 17. bis 23. August 2015.

Kleiner Hinweis am Rande: In den verlinkten Videos und – in hoffentlich erträglicherem Maß – auf den Fotos erwarten euch, wie leider nicht anders zu erwarten, unschöne Bilder von leidenden und toten Tieren aus verschiedenen Recherchen.

Christian, als Verein seid ihr ja noch recht neu, aber zumindest einige haben schon vorher Recherchen durchgeführt – du seit etwa drei Jahren. Was ist eure Motivation, dass ihr euch für diesen Weg entschieden habt: Recherchen zu machen und auf diese Weise die Zustände sowohl in industrieller Tierhaltung als auch bei Privatpersonen, Züchter*innen und Co publik zu machen?

Den Verein tierretter.de gibt es seit November 2014, ein Grossteil der Mitglieder ist aber bereits seit Jahren als Teil von verschiedenen Rechercheteams unterwegs gewesen. Als neuer Verein bündeln wir nun diese Kräfte und hoffen in Zukunft viel erreichen zu können.

Unsere Erfahrung zeigt, dass jene Menschen, die Tiere ausnutzen, ausbeuten und quälen nichts mehr scheuen als die Öffentlichkeit – deswegen ist die Veröffentlichung eben dieser Ausbeutung in Form von Fotos und Videos ein essentieller Bestandteil unserer Arbeit. Dabei muss man aber auch klar zwischen den beiden Formen von Tierquälerei, gegen die wir vorgehen, differenzieren – besonders da die Ziele beider Formen durchaus unterschiedliche sind.

Kastenstand in der Schweinezucht - an Bewegung ist nicht zu denken.

Wenn wir in der industriellen Tierhaltung die Zustände dokumentieren und veröffentlichen, ist das Hauptziel auf das völlig fehlgeleitete Mensch-Tier-Verhältnis in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Die katastrophalen, tierverachtenden Methoden der Industrie sind dabei die Konsequenz des grundlegend abzulehnenden Gedankens, dass der Mensch Tiere für seine Zwecke ausbeuten darf.

Natürlich zeigen wir Gesetzesverstöße, die wir bei unserer Recherchearbeit immer wieder vorfinden, bei den zuständigen Behörden an. Jede Strafzahlung und jede Umbaumaßnahme kosten die Tierhalter*innen Geld und schädigen damit die Industrie. Das eigentliche Ziel dieser Bilder sind aber ganz klar die Köpfe der Verbraucher*innen, die darüber aufgeklärt werden sollen, wie stark Tiere unter der Herrschaft des Menschen leiden, und dass dieses Ausbeutungsverhältnis ein endgültiges und absolutes Ende finden muss.

Bei Privatpersonen und Züchter*innen geht es oft darum, den Tieren direkt zu helfen. Wenn wir beispielsweise Bilder aus einer katastrophalen Hundehaltung veröffentlichen und diese Zustände bei den Behörden anzeigen ist die direkte Hilfe für das betroffene Tier oft das Ziel. Mehrfach konnten wir durch solche Einsätze die Beschlagnahme der Tiere erwirken und Tierhalteverbote für die Verantwortlichen auf den Weg bringen. Auch wenn es im Tierschutzgesetz gravierende Mängel für die private Haltung von Tieren gibt – der Öffentlichkeit ist angesichts solcher Bilder direkt bewusst, dass ein Tier so nicht gehalten werden darf. Bei der Veröffentlichung von Bildern aus der Massentierhaltung ist das leider meist anders und viele Verbraucher*innen glauben, dass die Trennung von Nutz- und Haustier gerechtfertigt und zu verteidigen sei.

Durch die Kombination dieser beiden Rechercheformen, also Themen, die tendenziell eher dem “Tierschutz” (Haustiere) angehörig sind sowie Themen, die eher dem Themenkomplex “Tierrechte” (Massentierhaltung etc.) zuzuordnen sind, versuchen wir eine emotionale Brücke in den Köpfen aufzubauen und die Grenze zwischen Nutz- und Haustieren einzureißen.

Hier ein Bild aus einem privaten Kontext - ein Schwein, das in Dreck und seinen Ausscheidungen in einem Badezimmer vor sich hinvegetiert

Und ist euer Eindruck, dass das funktioniert? Dafür müssen Menschen ja prinzipiell eure Arbeit ungefiltert wahrnehmen und feststellen, dass ihr euch in beide Richtungen engagiert …

Natürlich ist bei einem schnelllebigen Medium wie dem Internet (über das ein Großteil der Arbeit stattfindet – ohne hier eine Wertung vorzunehmen, ob dies sinnvoll ist oder es effektivere Wege gibt) immer schwer einzuschätzen, inwiefern die Aufklärung fruchtet. Bisher fand bei uns das Verwischen der Grenzen zwischen sogenannten „Nutz”- und klassischen „Haustieren“ eher subversiv statt. Auf die Veröffentlichung eines klassischen Tierschutz-Falls folgt ein Bericht über die Befreiung von Legehennen aus einer Kleingruppenhaltung, und so bekommen auch die ausschließlich an Tierschutz interessierten Leser*innen unserer Website und Facebookseite Kontakt mit Tierrechts-/Tierbefreiungsthemen. In Zukunft werden wir dies aber noch stärker forcieren und darauf aufmerksam machen, dass es moralisch gesehen absolut schizophren ist, sich über die Zwingerhaltung eines Hundes zu empören und gleichzeitig Produkte zu konsumieren, für die Sauen in winzige Kastenstände eingesperrt werden.

Ich erinnere mich an ein Gespräch kürzlich, wo mir ein Rechercheur erzählte, er weise bei Interviews regelmäßig darauf hin, dass es ihm nicht um die Einzelfälle gehe, sondern dass das System selbst das Problem sei – eine Äußerung, die regelmäßig nicht im Zusammenschnitt zu finden ist. Habt ihr trotzdem Hoffnung, die Grenze zwischen “Nutztieren” und “Haustieren” verwischen zu können, wenn ihr mit großen Medien kooperiert?

Die Zusammenarbeit mit Mainstream-Medien ist immer ein Drahtseilakt, der mal besser, mal schlechter funktioniert. Die Medien sind an Skandalen und „neuen Geschichten“ interessiert. Die systematische, lebensverachtende Ausbeutung von Tieren ist ein Skandal, aber keine „neue Geschichte“ – schließlich gibt es ständig Berichte, in denen Massentierhaltung kritisiert wird. Deswegen konzentrieren sich viele Fernsehberichte auf Einzelfälle oder einzelne Praktiken der Tierindustrie, die u. U. noch über den „ganz normalen Wahnsinn“ der Tierausbeutung hinausgehen.
Schlussendlich kann ich diese Praktik der Redaktionen als selbst Medienschaffender in Teilen nachvollziehen, als Aktivist der Tierbefreiungsbewegung ist sie mir natürlich oft ein Dorn im Auge. Das „große Ganze“ (die gesellschaftsimmanente Ausbeutung und Abwertung des Lebens von nichtmenschlichen Tieren) ist nur schwer darzustellen, die Konsequenz dessen (beispielsweise die Zustände in Massentierhaltungen) ist viel einfacher zu erklären und auch in einem kurzen Fernsehbeitrag zu erzählen.

Ende letzten Jahres haben wir zum Beispiel in einer Schweinezucht in Niedersachsen recherchiert. Der Betrieb war komplett illegal. Es gab dort unzählige Verstöße gegen die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV): So gab es es keine ständige Trinkwasserversorgung, kein Beschäftigungsmaterial, viele Buchten bargen Verletzungsrisiken, die Kastenstände waren zu schmal … Zudem war das Güllebecken komplett voll, sodass die Gülle von unten durch den Spaltenboden nach oben gelangte. In Rücksprache mit dem zuständigen Veterinäramt ergab sich, dass dieser Betrieb den Behörden nicht einmal bekannt war. Nur 14 Tage später stand diese Halle leer – das Veterinäramt hat dem Tierhalter sofort untersagt dort weiterhin Tiere zu halten.

Hat sich für die Tiere, die dort vorher untergebracht waren, effektiv etwas geändert? Mitnichten! Entweder wurden die Sauen in eine andere Haltungseinrichtung verlegt oder zum Schlachthaus gefahren, wenn der Tierhalter keine andere Unterbringungsmöglichkeit hatte. Ein klassischer „Einzelfall“, der auch durch die Fernsehberichterstattung so dargestellt wurde. Dass es aus unserer Sicht vollkommen egal ist, ob ein Kastenstand nun 55 cm oder 70 cm breit ist, weil Kastenstände nun einmal nicht breiter sondern abgeschafft gehören, und wir die gesamte TierSchNutztV für eine einzige Farce halten – „Tierschutz“ vereint in einem Wort mit „Nutztier“ ist allein schon paradox – kam in dem Beitrag nicht zu sprechen. Von einem Hinweis auf den einzigen Weg dieses Leid allumfassend zu beenden, nämlich einen veganen Lebenstil zu pflegen, brauchte man gar nicht erst denken.

Die Zuschauer*innen sehen „schlimme Zustände“ und erfahren, dass diese illegal waren und der Betrieb geschlossen wurde – viele werden daraufhin denken, dass es in „legalen“ Anlagen dementsprechend „besser“ aussieht – an der Ausbeutung der Tiere ändert sich dadurch jedoch nichts. Wir hatten auch intern viele Diskussionen darüber, wie dieser Einsatz und die Berichterstattung dazu zu werten seien. Die Schließung der Anlage ist auf keinen Fall ein uneingeschränkter Erfolg, sehr wohl aber das realistische Maximum von dem was dort erreicht werden konnte: An diesem Ort wird nie wieder ein Tier leiden müssen. Jedes Sandkorn im Getriebe der Tierausbeutungsindustrie hilft, diese Maschine irgendwann zum stoppen zu bringen. Und wenn die Fernsehsender über Jahre hinweg ständig über sogenannte „Einzelfälle“ berichten, dann muss auch den ignorantesten Fleischverfechter*innen irgendwann bewusst werden, dass es sich nicht mehr um Einzelfälle handeln kann, wenn die Flut an Berichterstattungen darüber nie abbricht.

Natürlich soll dies keine Verteidigung und Beharren auf der aktuellen Praktik sein – ein Wandel ist mehr als wünschenswert, und das lieber gestern als übermorgen. Allerdings glaube ich, dass man trotz dieser Nachteile nicht aufhören sollte zu versuchen derartige Bilder in Mainstream-Medien unterzubringen. Der Blick in die Augen eines jeden geschundenen Tieres könnte jener Blick sein, der einen Menschen dazu bewegt, endlich eine ernstzunehmende Empathie gegenüber diesem „Nutztier“ zu empfinden und dies in Zukunft auch in seinem Konsumverhalten umzusetzen. Natürlich muss die Arbeit mit den Mainstream-Medien immer hinterfragt, reflektiert und eben auch konstruktiv kritisiert werden, wenn sie aus dem Ruder gerät und für die Tierbefreiung letztlich negative Botschaften verbreitet.

Du hast jetzt ein paarmal die Veränderung des Konsumverhaltens hin zu einer vegane(re)n Lebensweise genannt. Da fällt mir direkt eine Meldung aus den letzten Tagen ein, dass ein neuer Rekord bei der Fleischerzeugung in Deutschland aufgestellt wurde – das Wachsen der Veggiebewegung wird durch einen steigenden Export kompensiert. Wie siehst du das? Wird die Konzentration auf das individuelle Verhalten der Konsument*innen der Tierausbeutungsindustrie mittel- bis langfristig wesentlichen Schaden zufügen? Während das Ganze in einem kapitalistischen Kontext stattfindet, dem Ausbeutung immanent ist?

Ich glaube, dass der Schritt zu einer veganen Lebensweise immer nur ein Anfang sein kann. Eine logische Konsequenz dieses Schrittes kann und sollte sogar sein, dass man seine Mitmenschen über seine Beweggründe, in Zukunft auf Produkte tierischen Ursprungs zu verzichten, aufklärt. Wer „nur für sich“ vegan lebt, hat zwar einen wichtigen Schritt zu einem kleinen bisschen weniger Ausbeutung von Lebewesen in unserer Gesellschaft getan, ein Austausch ist aber essentiell um dies auch weiter voranzutreiben.

Natürlich ist die Ausbeutung der Tiere nur ein kleiner Teil der gesamten vorherrschenden Ausbeutungsverhältnisse in dieser/unserer Welt. Für mich geht der Verzicht auf tierische Produkte seit jeher einher mit dem bestmöglichen Verzicht auf andere Produkte, deren Produktion mit Ausbeutung verbunden sind, sowie mit politischer/aktivistischer Arbeit. Schlussendlich muss die gesamte Bewegung durch ein gutes Kombinieren von Themen / Aktionen immer wieder darauf hinweisen, dass die Ausbeutung der Tiere in unserer Gesellschaft überhaupt nur stattfinden kann und sich so entwickeln konnte, da sie sich innerhalb eines kapitalistischen Kontextes befindet. Die Schlachthofbesetzung in München anlässlich des G7-Gipfels war meines Erachtens eine jener Aktionen, die diesen Zusammenhang sehr gut dargestellt hat. Danke an die Menschen, die an der Aktion teilgenommen bzw. sie organisiert haben.

Man muss den Menschen, aber auch ein Ziel geben, dass sich für sie erst einmal als „realistisch umsetzbar“ darstellt. „Vegan“ ist in den letzten Jahren endgültig dem Nischendasein entflohen und im „Mainstream“ angekommen. Die Fokussierung des Ziels auf einen Konsumstil hat jedoch Nachteile, die sich aktuell stärker denn je zeigen. Mehrere Fleischkonzerne, letztens beispielsweise die PHW-Gruppe mit der Marke „Wiesenhof“, entwickeln vegane oder vegetarische Produkte um auch ihren Teil des grossen „Vegan“-Kuchens abzubekommen. Einerseits zeigt diese Entwicklung, wie viel in den letzten Jahren tatsächlich auf dem Markt passiert ist, andererseits zeigt der Erfolg dieser Produkte, dass viele Menschen Veganismus anscheinend tatsächlich als „Lifestyle“ oder schlicht und einfach nur als „Ernährungsstil“ betrachten. Die empathischen Hintergründe, die grundlegende Ablehnung der Ausbeutung von Tieren gerät in den Hintergrund, wird vergessen oder war gar nie Thema. Wir stehen hier in der Pflicht darauf hinzuweisen, dass Firmen/Unternehmen und Gruppen, die vegane Produkte aus Überzeugung heraus produzieren, zwangsläufig vom Markt vertrieben werden, wenn man die „Big-Player“ der Fleischindustrie mit dem Kauf ihrer Produkte unterstützt. Das Ziel muss und sollte ein kritisch-veganer Konsum sein, der eben nicht nur darauf abzielt, dass die Produkte „Hauptsache vegan“ sind, sondern eben auch ansonsten möglichst frei von Ausbeutung des Menschen und der Natur.

Schlussendlich schätze ich die „Macht der Verbraucher*innen“ in dem kapitalistischem Ganzen für weniger einflussreich an als die meisten, dennoch zeigt gerade der Wandel in den letzten Jahren, dass diese Macht vorhanden ist und den Markt massiv beeinflussen kann. An politische Lösungen glaube ich nicht wirklich, da die Politik zumindest in absehbarer Zeit wohl kaum auf das Kernproblem – die Ausbeutung als System – eingehen wird, sondern nur auf dessen Konsequenzen und deswegen auch nur reformistische Lösungen hervorbringen kann.

Reden wir über die praktische Grenze der Auswirkungen eurer Recherchen auf Konsument*innen. Hältst du es für denkbar, dass die Menschen, die diese Bilder sehen, sich einfach irgendwann daran gewöhnen und sich bewusst damit abfinden, dass es so ist?

Wichtig ist immer, dass man diese Bilder mit passenden Texten und anderen Inhalten, sowie unter Umständen direkten Gesprächen an Infoständen, kombiniert. Ich glaube es gibt viele Menschen, die sich immer noch nicht bewusst sind, wie es in Massentierhaltungen aussieht. Diesen Menschen muss man die Bilder zeigen. Genauso gibt es Menschen, die solche Bilder zwar kennen, aber glauben, dass es nicht überall so aussieht – oder eben nur im Ausland. Diesen Menschen muss man ebenfalls die Bilder zeigen, und zwar immer wieder, damit die Zustände in Massentierhaltungen irgendwann allen bewusst sind.

Vielleicht gibt es Menschen, die irgendwann einfach „zu machen” und dieses Leid für ihren eigenen „Genuss“ akzeptieren. Diese Menschen sollten dann aber eben auch ziemlich in die Bredouille kommen, wenn sie das nächste mal an einer ethisch motivierten Diskussion teilnehmen. Wie steht man angesichts solcher Bilder da, wenn man dann sagt: „Das alles ist mir egal“. Besonders gut jedenfalls nicht. Vielleicht bewegt diese Menschen der gesellschaftliche Druck obgleich solcher Bilder dazu, irgendwann Empathie gegenüber den Tieren zu empfinden. Und um diesen Druck zu erhöhen ist es dann wieder wichtig, solche Bilder zu zeigen.

Wie ist das denn bei euch selbst? Im Film “The Ghosts in our Machine” sieht man, wie sehr die Fotorecherchen die Tierrechtsfotografin Jo-Anne McArthur mitnehmen – was wahrscheinlich auch viele Außenstehende als Reaktion erwarten würden. Bei der Premiere des Films in Münster sagte Friedrich Mülln von SOKO Tierschutz dagegen, dass er keinen derart emotionalen Zugang zu dem, was er dort sieht, hat.

Christian von tierretter.de in Aktion

Ähnliches schriebst du von dir selbst auch im Vegan Magazin – weil du die Recherchen sonst nicht durchführen könntest. Geht ihr alle auf ähnliche Weise mit dem Leid um, dass euch regelmäßig begegnet? Habt ihr Strategien entwickelt, damit ihr nicht daran kaputt geht?

Auf diese Frage würde ich immer liebend gerne antworten können, dass mich diese Bilder immer wieder aufs neue schockieren, mich mitnehmen und nicht mehr loslassen. Leider kann ich das nicht antworten, da es schlichtweg nicht so ist. Ich habe von Anfang an eine „gesunde“ Distanz zu dem, was ich sehe, aufbauen können. Ob ich darüber froh bin oder von mir selbst erschrocken bin, wechselt sich regelmässig ab. Hin und wieder gibt es durchaus Momente, in denen ich merke, dass da noch etwas ist, was sich aufbäumt und eine emotionale Reaktion in mir provoziert, allerdings lähmen mich diese Momente zunächst. Wenn ich mich ständig, wenn nicht sogar immer, so fühlen würde, könnte ich schon lange nicht mehr weitermachen.

Schlussendlich ist es absolut paradox, dass jene Menschen, die sich gegen ein bestimmtes Leid einsetzen am Ende von einer ähnlichen „Verrohung“ und „Abstumpfung“ betroffen sind, wie die Menschen, die dieses Leid produzieren und in diesen Anlagen arbeiten. Ich glaube aber auch, dass ich die emotionalen Auswirkungen der Arbeit selber, von innen heraus, kaum einschätzen kann, oder sie sich erst irgendwann zeigen werden. Natürlich hat mich das, was ich gesehen habe, verändert, und zwar grundlegend – immerhin hat es dazu geführt, dass ich mein gesamtes Leben umgestellt habe und dem Zweck der Aufklärung und Aufdeckung dieser Zustände widmen möchte.

Die schönen Seiten ab Minute 7:05

Befreite Puten in einer Transportbox

Es gäbe noch viele weitere Fragen, die wir dir stellen könnten, aber wer noch weitere Fragen hat, kann beispielsweise auch zur Tierbefreiung #85 greifen, und wird dort auch ein paar weitergehende Fragen beantwortet finden.
Hören wir mit etwas Schönem auf: Was hat dich bei eurer Arbeit bzw. als Resultat eurer Arbeit bislang am meisten gefreut?

Die Zusammenarbeit mit Menschen, die man mag, deren Ziele man teilt und mit denen man gerne die manchmal doch strapazierenden Nächte verbringt, ist einer der wichtigen Teile, der für mich alles zusammenhält und mich weiter motiviert. Natürlich bleiben einem auch die Momente im Kopf, wenn man befreite oder gerettete Tiere in die Freiheit und ihr neues „Zuhause“ entlassen kann. Es gibt viele schöne Momente – wichtig ist, diese zu erkennen und auch wertzuschätzen.


Wie könnt ihr tierretter.de unterstützen?
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Und natürlich, nicht zu vergessen: Shirts bei uns im Shop kaufen – und wir spenden bis zum 23.8. 5 € pro verkauftem Shirt an tierretter.de

die tierbefreier e. V. – Rabattaktion und Interview

Zuerst die schlechte Nachricht: Leider musste unsere Rabattaktion letzten Monat ausfallen, da unsere Interviewpartner*innen sich plötzlich nicht mehr gemeldet haben. Schade! Jetzt aber die gute: Diesen Monat sind wir wieder dabei und freuen uns, die tierbefreier mit einer kleinen Aktion zu unterstützen – und euch in diesem Interview mal die Arbeiter*innen der tierbefreier vorzustellen.
Zur Rabattaktion: Bis Ende des Monats könnt ihr bei eurer Bestellung durch die Eingabe eines Rabattcodes, den ihr in der aktuellen Ausgabe der TIERBEFREIUNG findet, 10 % beim Kauf jedes Shirts sparen. Außerdem spenden wir 10 % eures gesamten Bestellwertes an die tierbefreier (EDIT 15.4.: Wenn ihr den Code verwenden wollt aber keine Shirts bestellt, bestellt einfach ein kostenloses Produkt mit. dann funzt der Code auch …).
Die 3 Euros für die Anschaffung des Magazins lohnen sich so oder so, und vielleicht wollt ihr sie dann ja auch direkt abonnieren …

roots of compassion: Hi Andre! Vielen Dank, dass du bereit bist, dieses Interview für unseren Blog zu führen.
Zwischen roots of compassion und den tierbefreiern gibt es ja schon ziemlich lang Kontakte – aber was darf ich mir als unbedarfter Mensch unter die tierbefreier e. V. vorstellen?

Andre Gamerschlag: die tierbefreier wurden 1985 unter dem Namen „Bundesverband der Tierbefreier Deutschland“ als erste Tierrechtsorganisation im deutschsprachigen Raum gegründet. 1981 kam durch die erste dokumentierte Tierbefreiungsaktion der „Autonome Tierschutz“ auf, der Aktionen durchführte, die heute eher mit dem Label „Animal Liberation Front“ verbunden werden. Der Bundesverband war eine Solidaritäts-Organisation für anonym agierende Zellen, die Tiere befreien oder Sabotageaktionen gegen die Tierausbeutungsindustrie durchführen. Zum einen organisieren wir seither Rechtshilfe für von Repression und Strafverfolgung betroffene Aktive. Zum anderen solidarisieren wir uns offen mit solchen Aktionen, wandeln eingehende Bekenner_innenschreiben in Pressemitteilungen um, dokumentieren sie auf unserer Sonderseite animalliberationfront.de und stehen der Presse für Interviews über die Beweggründe zur Verfügung. Im Verlauf der Jahrzehnte wurde die Arbeit aber ausgedehnt. Die Organisation von Protesten und Aktionen des Zivilen Ungehorsams stand quasi von Beginn an mit auf dem Programm.

Preotestaktion bei Peek und Cloppenburg gegen Pelzverkauf

Wir bieten auch legal arbeitenden Tierrechtsaktiven Rechtshilfe an, unterstützen derzeit 16 Ortsgruppen, aber auch vereinsexterne Projekte der Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung wie Kongresse, Lebenshöfe und Kampagnen. Wir geben das inzwischen leider einzige Magazin der Graswurzelbewegung, die TIERBEFREIUNG, sowie Infomaterial und eine Schriftenreihe heraus. Und wir versuchen im aktuellen Vegan-Hype das Tierrechtsargument hoch zu halten und Lifestyle-Veganer_innen für die Bewegung zu begeistern.

Welchen Anteil haben die einzelnen verschiedenen Aktivitäten derzeit bei euch – worin steckt ihr also die meiste Energie?

Das ist schwer zu beantworten. Zumal zwischen Verein und den relativ autonomen Ortsgruppen unterschieden werden muss. Wir renovieren seit über zwei Jahren den Verein: neues Corporate Design, neue Flyerserie, mehr Unterstützungsleistungen für Ortsgruppen, ausgedehntere Rechtshilfe, neue Kollektion für den tierbefreiershop.de, bessere Strukturen und Vernetzung etc.

Bild einer Schlachthofblockade

Dieses Jahr soll der Relaunch der Vereinsseite tierbefreier.de, der Magazinseite tierbefreiung.de mit umfangreichen Artikel-Archiv und der Direct Action Soli-Seite animalliberationfront.de erfolgen. Hinzu kommt, dass die Anzahl der Ortsgruppen seit Beginn der Renovierung von sieben auf 16 gestiegen ist. Es gibt also viel zu tun, was Kapazitäten bindet, die dementsprechend nicht in andere Aufgabe, wie etwa die Organisation von Aktionen des Zivilen Ungehorsams fließen. Solche Aktionen sind bei uns und in der Bewegung insgesamt weitaus seltener, als sie noch vor zehn Jahren waren. Es bleibt zu hoffen, dass wir die Renovierung im nächsten Jahr abgeschlossen haben, damit auf Vereinsebene wieder mehr Zeit für Aktionsplanung bleibt.
Die Ortsgruppen stecken ihre Energie in Aktionen – von Infoständen über Kampagnenarbeit bis hin zu Großdemos – vereinzelt auch in Aktionen des Zivilen Ungehorsams.

Es passiert also schon ziemlich viel bei euch intern. Für Menschen, die sich überlegen, auf die eine oder andere Weise mitzumachen, ist vielleicht interessant, wie Entscheidungsprozesse bei euch verlaufen. Und bei manchen Entscheidungen kann es ja sicherlich dauern, bei anderen muss es auch mal schnell gehen. Wie geht ihr damit um?

Die Entscheidungsprozesse laufen soweit wie möglich über Konsense, die über Verteiler, bei Telefonkonferenzen oder zweimal im Jahr auf Aktiventreffen erzielt werden. Manche Entscheidungen werden unter Beteiligung aller Interessierter getroffen, manche in Arbeitsgruppen, denen sich aber auch alle Interessierten anschließen können.
Vereinsrechtlich müssen manche Entscheidungen wie Satzungsänderungen jedoch auf einer Jahreshauptversammlung per Mehrheitsentscheid bestätigt werden. In den letzten Jahren hatten wir kaum Probleme Konsense zu erzielen. Der Zusammenhalt ist sehr gut. Im März haben wir auf unserer dreitätigen Aktivenklausur angefangen zu diskutieren, ob zu unserem Konsensprinzip das Vetorecht gehört oder nicht. Dabei ist uns aufgefallen, dass es in der aktuellen Konstellation von Vereinsaktiven noch nicht dazu kam, dass ein Veto ausgesprochen wurde. Konkret erinnere ich mir nur an eine Diskussion aus den letzten Jahren, die per Abstimmung entschieden wurden: der Antrag auf geschlechtergerechte Namensänderung. Einigkeit bestand nur darin, dass wir einen geschlechtergerechten Namen wählen würden, wenn die Vereinsgründung erst bevorstünde. Nach sehr langen Diskussionen gab es noch immer zwei Lager; für und gegen eine Namensänderung. Da die Änderung sowieso ein vereinsrechtlicher Akt gewesen wäre, also per Abstimmung hätte bestätigt werden müssen, wurde der Versuch der Konsensbildung unter beidseitiger Zustimmung abgebrochen. Bei ungeplanten Zwischenfällen und Problemen geht die Entscheidungsfindung relativ schnell, weil alle Beteiligten wissen, dass zeitnah reagiert und deshalb zielorientiert diskutiert werden muss. Der Vorstand wurde 2014 auf drei gleichberechtigte Vorsitzende erweitert. Seit dem ist es schon passiert, dass der Vorstand sich intensiv mit einem Problem befasst und anschließend eine Verhaltensempfehlung an die Aktiven gegeben hat, die in die Konsensbildung einbezogen wurde.

Das heißt, alle interessierten Mitglieder des Vereins und/oder der Ortsgruppen können so ziemlich alle Entscheidungen im Verein mitgestalten?

Tierbefreiungsmotiv - Mensch mit befreitem Huhn

Fast. Alle interessierten Aktiven, unabhängig von einer Mitgliedschaft, denen wir vertrauen und die mitarbeiten möchten, treffen die Entscheidungen auf Versammlungen, bei Telefonkonferenzen und über Mail-Verteiler. Teilweise in Arbeitsgruppen, teilweise unter Beteiligung aller Aktiven. Weit über 90 Prozent unserer Mitglieder unterstützen uns finanziell, sind aber nicht aktiv, haben also auch kein Interesse an der Gestaltung. Viele Aktive, gerade in den Ortsgruppen, sind hingegen keine Mitglieder, dürfen aber mitentscheiden. Auch wenn wir ein eingetragener Verein sind, sind unsere Strukturen eher mit Graswurzelgruppen zu vergleichen.
Aus neuen Ortsgruppen sollen mindestens zwei Personen auf einem Verein-Ortsgruppen-Verteiler sein und zu unseren Treffen kommen. Alles was Ortsgruppen betrifft, kann dadurch mitgestaltet werden. Ausgeschlossen sind sie aber erst einmal vom internen Verteiler für Aktive auf Vereinsebene und von sicherheitsrelevanten Arbeitsgruppen. Einerseits gab es Fälle, in denen uns langjährig vertraute Aktive aus Tierbefreiungsgruppen außerhalb unseres Vereins verstärkt haben, die aber Interesse an seiner Entwicklung haben. Sie wurden direkt uneingeschränkt involviert. Da wir uns andererseits natürlich keine Spitzel ins Boot holen wollen, geht das bei uns kaum bekannten Aktiven nicht so schnell. Neue Ortsgruppen etwa sind zunächst mit sich selbst beschäftigt. Ihr Interesse an der Vereinsgestaltung steigt meist mit der Zeit, wie auch unser Vertrauen in sie, so dass ich nicht wüsste, dass jemand unsere Sicherheitsmaßnamen aus Ausschluss wahrgenommen hat.

Bei Spitzeln denken wir natürlich spontan an Ralf Gross, oder auch in anderen linken Zusammenhängen Iris Plate und Mark Kennedy … Also wirklich kein unwahrscheinliches Thema. Wie schätzt ihr derzeit die Repression gegen Tierrechtsaktive und Tierbefreier*innen in Deutschland ein? Gibt es auffällige Entwicklungen?

Zwischen zwei Dingen muss unterschieden werden. Einerseits die normale Verfolgung von Straftaten wie Diebstahl, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung. Andererseits systematische Repression gegen die Bewegung, die nicht an konkrete Straftaten gebunden ist. Sehen wir von dem Spitzel-Fall Ralf Gross und einzelnen Anquatschversuchen ab, haben wir es mit Strafverfolgung zu tun. Eine Zunahme von Repression, wie wir sie aus Österreich, England und den USA kennen, wo Gesetze gegen Bandenkriminalität, Hassprediger oder Terrorismus auf Tierrechtsaktive angewendet werden, ist in Deutschland glücklicherweise nicht in systematischer Form festzustellen.

Du würdest die Spitzelüberwachung und Anquatschversuche auch nicht als Versuch sehen, die Bewegung stärker zu bekämpfen?

Das würde ich als Repression bezeichnen. Allerdings sehe ich es nicht als Zeichen systematischer, bundesweiter Repression an. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Behörden auf Bundes- und Länderebene zusammen und außerhalb der Verfolgung konkreter Straftaten gegen die Bewegung vorgehen. Nach dem Motto „Die machen gerade zu viel Stress, die versuchen wir mundtot zu machen“, wie es in Österreich war. Die von dir genannten Fälle sind also bisher Einzelfälle und meines Erachtens nach kein Ausdruck einer grundsätzlichen Agenda der Behörden.

Danke für deine Einschätzung dazu.
Im vorletzten Jahr haben wir aus unserem Überschuss ja auch eure Rechtshilfe mit 500 € unterstützt. Magst du kurz dieses Angebot vorstellen? Und braucht ihr noch mehr Geld/mehr Anwält*innen/sonstige Unterstützung dafür?

Die von uns ins Leben gerufene und verwaltete Bewegungsrechtshilfe ist eine Dienstleistung für die Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung und unabhängig von einer Mitgliedschaft bei die tierbefreier e.V. oder Spenden auf das Rechtshilfekonto. Wer durch Tierrechtsarbeit unter Strafverfolgung leidet, egal ob aufgrund von legalen Protesten oder anonym durchgeführten Direkten Aktionen, wie sie etwa unter dem Namen ALF durchgeführt werden, kann sich an uns wenden. Das Angebot ist vor allem für Aktive gedacht, die keinen großen Verein hinter sich stehen haben und daher auf Unterstützung aus der gesamten Bewegung angewiesen sind. Wir übernehmen in der Regel 50 Prozent der Verteidigungs-, Verfahrens- und Strafkosten. Je nach finanzieller Situation der Aktiven übernehmen wir auch mehr. Vor zwei Jahren haben wir außerdem einen Rechtshilfeverteiler mit Jurist_innen aus der Bewegung gegründet.
Dadurch können wir inzwischen kostenlose Rechtsberatung und oftmals vergünstigte Verteidigung durch Tierrechtler_innen anbieten. Die Rechtshilfe kann finanziell durch kleine, monatliche Spenden auf das treuhänderisch verwaltete Konto unterstützt werden – Aktion: 3 Euro helfen! Oder es können Soli-Events wie Partys oder Konzerte organisiert werden. Falls große Prozesse auf die Bewegung zukommen oder die Zahl der Aktionen und damit das Maß der Verfolgung steigen, kann nie genug Geld auf dem Konto sein. Aber momentan sieht es so aus, dass das Konto permanent wächst und besser gefüllt ist, als jemals zuvor. Anders als das Vereinskonto, was durch die gestiegene Vereinsaktivität langsam leerer wird. Wir rufen deshalb neuerdings dazu auf, generell die Arbeit des Vereins statt allein die Rechtshilfe zu unterstützen, wenn unsere Arbeit gut ankommt. Sehr freuen würden wir uns über weitere Verstärkung durch Jurist_innen. Sie müssen nicht zwangsläufig Strafverteidiger_innen sein. Ziel ist es, eine regional flächendeckende Vermittlung an Jurist_innen mit Tierrechtshintergrund zu ermöglichen, von der wir noch weit entfernt sind.

Wie oft wird die Rechtshilfe in Anspruch genommen? In welchen Fällen unterstützt ihr aktuell?

Wir bekommen durchschnittlich zwei Rechtshilfeanfragen pro Monat, wovon die meisten Beratungsanfragen sind. Im Zusammenhang mit Strafverfolgung von Aktiven steht geschätzt ein Fünftel der Fälle. Über laufende Verfahren können wir aus strategischen Gründen nur selten Aussagen machen.
Momentan haben wir unter anderem einen Fall, bei dem zwei Personen aus NRW vorgeworfen wird, Hochsitze zerstört zu haben. Das ist nicht das erste Mal in den letzten Jahren. Darüber hinaus haben wir es häufiger mit Vorwürfen wie Sachbeschädigung, aber auch Hausfriedensbruch, Nötigung oder Diebstahl zu tun.

Banner zum Jubiläum der tierbefreier

2015 feiern die tierbefreier 30jähriges Jubiläum, letztes Jahr feierte euer Magazin TIERBEFREIUNG das 20jährige. Aus diesem Anlass entstand der TIERBEFREIUNG Sammelband bei compassion media. Dieses Jahr machst du dazu eine Vortragsreise durch über 20 Städte. Was erwartet die Menschen, die zu deinem Vortrag kommen?

Ich werde knapp den Verein und das Magazin vorstellen und über die Hintergründe und Motivation zum Buch berichten. Im Hauptteil stelle ich die zentralen Fragen und damit verbundenen Diskussionen vor, mit denen sich die Beiträge beschäftigen. Es handelt sich also nicht um eine Lesung. Mir ist wichtig Vorträge locker, teilweise auch humorvoll, zu gestalten – sogar bei trockeneren Themen. Mal schauen, wie sich das konkret bei einer Buchvorstellung realisieren lässt. Nach diesem etwa einstündigen Teil geht es in die Frage- und Diskussionsrunde. Je nach Interesse des Publikums können zusammen einzelne Diskussion fortgeführt werden.

Wir sind sehr gespannt auf die Tour und freuen uns auf den Termin und die Diskussionen in Münster.
Andre, vielen lieben Dank für das Interview!

Und nicht vergessen: TIERBEFREIUNG kaufen, bis zum 30. April beim Shirt-Kauf sparen und gleichzeitig die tierbefreier unterstützen! Oder alternativ: direkt spenden!

Free Animal – Interview mit Angelika Jones

… eine Vision, die ganz vielen Lebewesen inzwischen ein festes zu Hause, frei von Ausbeutung und Nutzen gibt. Free Animal unterstützt Lebenshöfe sowohl finanziell, als auch bei der  Öffentlichkeitsarbeit, und kämpft für eine Welt, in der jedes Tier ein freies Leben führen kann. Angelika Jones hat sich sehr viel Zeit für uns genommen und ein paar Fragen beantwortet, die euch das Projekt näher bringen sollen.

Erzähle doch zu Anfang etwas über Free Animal? Wie Idee und Gründe dafür aufkamen, das anfängliche Projekt zu starten?

Die Idee war eher eine Vision. Wir wollten einen Raum frei von Ausbeutung und Herrschaft auch für sogenannte Nutztiere schaffen. Die Idee kam 1995, nachdem ein Tierrechtler Pferde und Kühe bei sich aufgenommen hatte. 1996 gründete sich der Verein Free Animal e.V. und der erste Lebenshof, den wir unterstützen, entstand aus dieser Idee heraus.

Wie kam es dann zur Eigenständigkeit gegenüber des gestarteten Projekts der tierbefreier? Auch um eine eigenständige Notwendigkeit aufzuzeigen? Erst Tierbefreiung, dann Lebenshof suchen?

Free Animal war von Anfang an ein selbständiger Verein und gemeinnützig. Wir haben als Projekt bis 2011 mit den tierbefreiern zusammengearbeitet, dann haben wir uns aus verschiedenen Gründen, die im Unterschied zwischen Theorie und Praxis lagen, getrennt. Es wurde auch kein Lebenshof gegründet, um ausschliesslich für „befreite“ Tiere ein Zuhause zu finden, die ersten waren ja schon da und brauchten finanzielle Unterstützung. Klar folgten dann sehr schnell andere „befreite“ Tiere, ob aus offenen Tierbefreiungen, schlechter Haltung oder Massentierhaltungen.

Du sagtest ja schon, dass sich der erste Lebenshof auch im Zuge der Vereinsgründung entwickelt hat. Wie kamen und kommen weitere Zusammenarbeiten zustande? Wählt ihr Höfe aus? Sind es Netzwerke, oder können Menschen, die einen Lebenshof für Tiere anbieten, nach Unterstützung fragen?

Meistens werden wir gefragt oder angeschrieben. Die Lebenshofbetreiber_innen haben meistens nicht die Zeit auch noch die Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Das machen wir. Der Unterhalt der Lebenshöfe kostet auch viel Geld. So werden wir oft um finanzielle Hilfe gebten.

Wie helft ihr bei Aufnahmen neuer Bewohner_innen der Lebenshöfe – mal den finanziellen Aspekt ausgenommen? Vermittelt ihr auch Tiere, die dringend einen Platz brauchen? Habt ihr bestehende Kontakte, aus denen immer wieder Bewohner_innen aufgenommen werden? Allein das öffentliche Bekanntmachen durch euch, dass da jemand dringend einen Platz braucht, hilft ja auch schon weiter.

Vermitteln tun wir generell nicht, die Tiere bleiben bis an ihr natürliches Lebensende. Ausnahme war einmal ein Hund, der sich in ein Besucherehepaar „verliebt“ hatte. Er wurde dann an die Familie vermittelt. Es gibt keine bestehenden Kontakte. Auch da werden wir angeschrieben und bei Notfällen gefragt, ob Platz ist oder wir was wissen. Dann helfen wir natürlich, wenn es geht, auch auf den von uns unterstützten Lebenshöfen und in den Projekten. Leider gibt es wesentlich mehr Anfragen als Plätze, so dass wir auch immer öfter Nein sagen müssen. Wenn möglich, helfen wir trotzdem weiter bei der Suche nach einem Platz.

Mit vermitteln meinte ich auch speziell an Lebenshöfe, nicht von Lebenshöfen weg. Wie ist die Finanzierung des Vereins aufgebaut? Patenschaften, Spenden, die Zeitung La Vita und der Shop. Alles fließt wieder in Free Animal und damit in die Lebenshöfe?

Patenschaften für bestimmte Tiere oder Höfe, Mitgliedsbeiträge, freie Spenden, Shopverkauf, Einnahmen durch Soliveranstaltungen für uns, Stände auf veganen Evetns und Infoveranstaltungen durch Free Animal selbst. Ein geringer Teil der Mitgliedsbeiträge geht in die Verwaltungsarbeit, z. B. Telefon, Flyer etc. Alles andere fließt direkt in die Projekte und Höfe. Wir haben z. B. den letzten 10 Jahren jedes Jahr mehr als 90% aller Einnahmen direkt an diese weitergegeben.

Diese hohe Prozentzahl ist ja auch nur möglich, weil ihr alle ehrenamtlich für Free Animal tätig seid. Wie kam die La Vita zustande?

Ja, wir alle inkl. der Lebenshof- und Projektmenschen arbeiten ehrenamtlich. Nachdem wir uns 2011 von den tierbefreiern getrennt haben und dann auch nicht mehr in der TIERBEFREIUNG berichten konnten, entstand die Idee eines eigenen Vereinsrundbriefes: die La Vita.

Und wie viele Menschen arbeiten inzwischen an Free Animal und La Vita?

Die Redaktion macht unsere 2. Vorsitzende Anke Guido und das Layout vego-design in Dresden. Ich selbst arbeite auch noch ein wenig mit. Dann selbstverständlich die Projekte und Höfe mit inhaltichen Artikeln und Berichten über die Höfe. Es tragen 10-12 Menschen dazu bei. Free Animal e.V. machen 3 Menschen.

Klingt nach mega viel Arbeit. Abschließend: Wie helfen wir euch mit dem Spendenbeitrag? Gibt es eine_n Bewohner_in, der_die ganz akut Hilfe benötigt? Mal abgesehen davon, dass immer alle dringend Hilfe benötigen … Ist längerfristig etwas geplant, außer die laufenden Kosten der Höfe zu decken? Ausbauten, Erneuerungen/Neuanschaffungen auf den Höfen?

Ihr helft uns damit beim Heukauf, bei den Tierarztkosten, der Versorgung der Tiere und auch, wenn was anliegt, bei den Reparaturkosten. Langfristig ist der Ausbau des Enten- und Gänsegeheges im Hunsrück geplant. Im Wendland muss ein neuer Zaun her. Allerdings gehen laufende Kosten vor. Und ja, es ist jede Menge Arbeit besonders auf den Lebenshöfen. Der Arbeitstag hat immer mehr als 18 Stunden, kein Urlaub, kein Wochenende, kaum Freizeit.

Volles Engagement für ein freies Leben. Es ist schön anzusehen, wie Menschen das mit Herzblut hinbekommen.

Danke! Es kommt aber auch sehr sehr viel von denen, für die wir das alle machen: den nichtmenschlichen Lebewesen. Es ist schön zu sehen, wie sie sich entwickeln und Freude am Leben wiederfinden, wenn sie so weit es in dieser Gesellschaft möglich ist, frei und ohne Ausbeutung leben können.

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